„Life Guidance“: Entmündigung per Agentur

Ruth Maders kühle Kinodystopie ist der einzige reine Österreichbeitrag in Venedig. Sie verstört nicht wirklich.

„Ich wachse über mein Potenzial hinaus!“: So singt der Kindergartenchor aus vollen Kehlen. In der Zukunftsvision von „Life Guidance“ wird der Wachstums-, Leistungs- und Selbstoptimierungsgedanke schon von klein auf eingetrichtert. Ruth Maders dritter Langfilm, der gestern in einer Nebensektion der Filmfestspiele von Venedig Premiere feierte, ist eine klassische (Kino-)Dystopie: Er spitzt Gesellschaftstendenzen totalitär zu und übt Kritik, indem er einen Systemerhalter in die Dissidentenrolle drängt.

Alexander (stark: Fritz Karl) ist erfolgreicher Finanzdienstleister und lebt mit Frau und Kind im Designerhaus. Als ihm eines Tages eine Träne aus dem Auge rutscht, schrillen die Alarmglocken: Achtung, Freidenker! Kurz darauf steht ein freundlicher Mann vor der Tür. Er sei von der Agentur Life Guidance, möchte bloß für eine Weile nach dem Rechten sehen. Nicht, dass Alexander in der „Schlafburg“ endet! Dort werden Ausgesonderte mit Psychopharmaka stillgestellt: ein Gemeindebau voller Zombies. Indessen sieht die Welt im Kreis der Leistungsträger aus wie eine modernistische Bankfiliale. Keine besonders originelle Ästhetik, aber konsequent umgesetzt – dank klug gewählter Drehorte (etwa die neue WU) und den überzeugend unterkühlten Tableaus von Kamerafrau Christine A. Maier.

 

Träume lagern in Firmenarchiven

Ein bisschen wirkt das wie eine Hochglanzfassung von „Stille Reserven“ (2016); Leinwand-Dystopien aus Österreich haben offenbar Konjunktur. Und „Life Guidance“ – abgesehen von Koproduktionen der einzige heimische Beitrag in Venedig – gehört zu den besseren. Mit kalter Emphase klagt er die schleichende Entmündigung des Menschen an, zeigt, wie ihm die Selbstbestimmung entgleitet – selbst Träume lagern hier dank totaler Transparenz in Firmenarchiven und kommen bei Bedarf als Druckmittel zum Einsatz. Dennoch schafft es der Film nicht, wirklich zu verstören. Ihm fehlen ungewohnte, kraftvolle, schockierende Bilder; sein bestes kommt gegen Ende, als Alexander hinter die Kulissen seines Universums blickt. Die Urtümlichkeit dessen, was er dort erblickt, wirkt wie aus einem anderen Film – und erschüttert darob umso mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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