Abgrundtief böses Kalkül: „Wir töten Stella“

KritikJulian Roman Pölsler hat Marlen Haushofers Novelle mit Martina Gedeck in der Hauptrolle einfühlsam und beklemmend verfilmt. Etwas Melodram und allzu gekünstelter Expressionismus sind auch dabei. Ab 29. 9. im Kino.

Haltsuchende in einer sinistren familiären Katastrophe: die leidende Mutter Anna (Martina Gedeck) und ihr mitfühlender Sohn Wolfgang (Julius Hagg).
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Haltsuchende in einer sinistren familiären Katastrophe: die leidende Mutter Anna (Martina Gedeck) und ihr mitfühlender Sohn Wolfgang (Julius Hagg).
Haltsuchende in einer sinistren familiären Katastrophe: die leidende Mutter Anna (Martina Gedeck) und ihr mitfühlender Sohn Wolfgang (Julius Hagg). – (c) Thimfilm

Die Idylle trügt. Vor der geräumigen, zauberhaften Villa blüht es im Garten, man hört Vogelgezwitscher. Ein Schwenk. Verloren in Gedanken steht eine schöne Frau mittleren Alters am Fenster. Sie beginnt zu erzählen, wird das Erlebte aufschreiben. Zu Beginn des Kinofilms „Wir töten Stella“ befindet man sich bereits mitten in der Aufarbeitung einer Tragödie. Das Gezwitscher im prächtigen Garten ist der Vorbote dafür. Die Erzählerin, Anna, beobachtet, wie ein Jungvogel, der aus dem Nest gefallen ist, um sein Leben kämpft. Sie wird ihm nicht helfen, das macht keinen Sinn. Solch eine Passivität, vielleicht sogar eine heimtückische Manipulation, hat zum Tod einer jungen Frau geführt. Schreibend wird Anna versuchen, dies zu bewältigen.

Die Novelle Marlen Haushofers, die Julian Roman Pölsler nun verfilmt hat, ist sein zweiter, gelungener Versuch über ein Werk der Autorin. „Die Wand“, nach dem gleichnamigen Roman, kam 2012 ins Kino. Wie damals spielt auch diesmal Martina Gedeck die Hauptrolle: Anna ist die einsame Ehefrau des erfolgreichen Anwalts Richard (Matthias Brandt), sie haben zwei Kinder. Der sensible Teenager Wolfgang (Julius Hagg) steht der Mutter näher, die jüngere Tochter Anette (Alana Bierleutgeb) dem machtbewussten, kaltherzigen Vater. In die großbürgerlichen Verhältnisse des Quartetts, das sich mit Lebenslügen arrangiert hat, gerät Stella (Mala Emde), von ihrer Mutter faktisch abgeschoben. Für ein Studienjahr soll sie in der Villa wohnen. Ungeschützt wird sie dem Machtkampf des Paares ausgesetzt. Richard ist stets auf Abenteuer aus, Anna duldet das diskret. Aber in diesem Nest ist kein Platz für ein weiteres fast flügge gewordenes Wesen.

Wie ein Todesengel in kaltem Blau

Ein böses Kammerspiel entwickelt sich, von Anna in Retrospektive erzählt. Die Szenen, in denen man Gedecks Stimme hört, während sie stumm am Fenster steht oder auf ihrem Tablet die Erinnerungen an Stella festhält, sind voller Intensität. Ganz nah geht die Kamera an dieses Gesicht heran, schonungslos, bis es zu einer Landschaft wird. Die Beichte vor der Reue? Rätselhaftigkeit! Immer wieder ereignet sich der für diese populäre Schauspielerin typische Blick leidenschaftlichen Leids, während sie die unerbittlichen, treffenden Sätze aus Haushofers Novelle formuliert. Ja, es kann schuldhaft sein, wenn die erfahrene Frau dieses unschuldig unscheinbare junge Ding mit derart auffälligen roten Kleidern ausstaffiert, dass der Ehemann es schließlich mit dem taxierenden Blick eines Jägers quittiert. Wie ein Todesengel wirkt die Gattin da in ihrem kalten Blau, bereits gezeichnet hingegen ist das Gesicht von Stella, trotz seiner Frische.

Verführung, Abtreibung, Selbstmord (oder doch Unfall?) – das sind die Stationen des familiären Untergangs, bei dem sich Szenen der Reflexion mit dialogischen Passagen abwechseln. Sie bieten keinen Trost. Wesentlich ist hier das Schweigen. Die Kommunikationsversuche der Eheleute beschränken sich häufig auf sachliche Instruktionen. Oder auf Drohungen. „Weil du mir gehörst“, lautet einer der schrecklichen Sätze Richards. Wie geht es dann weiter? Man redet über eine Flasche Wein. Erkenntnis ergibt sich wortlos. Als der Mann abends im Ehebett besitzergreifend seine Hand nach der Gattin ausstreckt, schnüffelt sie daran, wendet sich ab. Man ahnt: Sie weiß nun alles über die neue, verhängnisvolle Affäre. Ausweg gibt es keinen. Als eine Reminiszenz an Haushofers Roman kann man deuten, dass mehrfach im Film gegen eine unsichtbare Wand angekämpft wird, mit bloßen Händen, das Gesicht zeichnet sich in einer Plastikmembrane ab, doch für Frauen gibt es hier kein Durchkommen. Der Effekt wirkt allerdings furchtbar aufgesetzt.

Die herzlose Dominanz des Patriarchen

Der Film wäre ohne diesen gekünstelten Expressionismus stark genug. Besonders eindringlich sind die Szenen zwischen der Mutter und dem Sohn, der sich längst auch auf der Flucht befindet. Sie spielt sich beinahe still, ja innerlich ab. Etwas mehr Melodram wird Emde als Stella zugestanden. Die hat offenbar das Zeug für großes Kino. Und Brandt erzielt mit minimalem Aufwand an Mimik und Gestik ein Paradebeispiel an herzloser Dominanz. Allein schon die demonstrative Art des Zeitunglesens deutet an, dass Richard die Kunst der Intrige bis in die kleinste Phrase beherrscht. Die beklemmende Wirkung der Novelle hat die Regie hervorragend umgesetzt. Ihre Stärke liegt in der Nüchternheit einer Sezierübung. Am Ende wird hier jeder Vogel verstummen.

Die Autorin und ihr Werk

Marlen Haushofer wurde 1920 in Frauenstein, Oberösterreich, als Tochter eines Revierförsters und einer Kammerzofe geboren, sie starb 1970 in Wien. Erst postum wurde ihre Bedeutung als Schriftstellerin angemessen gewürdigt. Ihr dritter Roman, „Die Wand“ (1963), zählt heute zu den Klassikern moderner österreichischer Literatur. Weitere Werke u. a.: die Novellen „Das fünfte Jahr“ (1952) und „Wir töten Stella“ (1958) sowie die Romane „Die Tapetentür“ (1957) und „Die Mansarde“ (1969).

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2017)

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