Borg/McEnroe: Eine Liebe unter perfekten Rivalen

Das Biopic „Borg/McEnroe“ blickt hinter die Image-Fassaden der Tennis-Granden Björn Borg und John McEnroe – und schildert die Entdeckung einer Seelenverwandtschaft.

Gepeinigte Männerseelen: John McEnroe (Shia LeBeouf) und Björn Borg (Sverrir Gudnason).
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Gepeinigte Männerseelen: John McEnroe (Shia LeBeouf) und Björn Borg (Sverrir Gudnason).
Gepeinigte Männerseelen: John McEnroe (Shia LeBeouf) und Björn Borg (Sverrir Gudnason). – (c) Julie Vrabelova/Filmladen

Das Wimbledon-Männerfinale des Jahres 1980 war ein nahezu perfektes Medienereignis. Zwei Tennis-Talente vor dem Herrn, deren Image unterschiedlicher nicht hätte sein können, prallten hier auf grünem Rasen aufeinander. Auf der einen Seite Titelverteidiger Björn Borg, der kühl kalkulierende Schwede: Eine emotionslose Maschine, deren Selbstbeherrschung nicht zu untergraben war – und die den Rekord eines fünften Wimbledon-Siegs in Folge fest im Visier hatte. Auf der anderen der Herausforderer John McEnroe: Ein junger Hitzkopf aus New York, bekannt für seine Wutausbrüche auf dem Feld und wüste Schimpftiraden gegen Publikum und Schiedsrichter, erstmals in unmittelbarer Greifweite eines Triumphs beim britischen Grand-Slam-Turnier. Die professionelle Rivalität zwischen den beiden hatte sich schon seit 1978 hochgeschaukelt. Zum siebten Mal spielten sie gegeneinander. Die Fehde zwischen „Feuer und Eis“ sollte endgültig ausgefochten werden – mit Pauken und Trompeten.

Doch glaubt man Janus Metz' Film „Borg/McEnroe“ war das Sensationsmatch nicht nur ein Kampf der Giganten, sondern auch die Kulmination einer platonischen Liebesgeschichte. Der dänische Regisseur inszeniert das Verhältnis seiner beiden Hauptfiguren als Duell zweier gepeinigter Männerseelen, die sich im Spiel des jeweils anderen wiedererkennen – und darob endlich verstanden fühlen. Ein bisschen wie bei „Rush“, dem Drama über die Konkurrenz zwischen James Hunt und Niki Lauda – nur mit Schläger, Filzball und mehr schmollenden Gesichtern.

 

Nerven gespannt wie Schläger

Von Anfang an werden die Psychogramme der beiden Profisportler gegeneinander ausgespielt. Der Schwede Sverrir Gudnason, bekannt aus der TV-Serie „Wallander“, mimt Borg. Seine Nerven sind hinter der gefassten Fassade stärker gespannt als die Schläger, die er vor jedem Match per Fußtritt auf ihre Tauglichkeit testet. Der Starrummel setzt ihm zu, aber noch mehr seine Anforderungen an sich selbst. Mit sanfter Visage und wallender Mähne sieht er aus wie ein Tennis-Jesus, bereit, für den Pokal zum Märtyrer zu werden.

McEnroe (Shia LeBeouf, dessen Schauspielkarriere seit seiner Ächtung durch Hollywood nur spannender geworden ist) hingegen plant seinen Aufstieg mit der obsessiven Verbissenheit eines Zwangsneurotikers. Im Hotelzimmer hat er den Turnierbaum an die Wand gemalt – und Borg, dessen Technik er im Fernsehen eindringlich studiert, bildet das eigentliche Ziel. McEnroes Trotzanfälle auf dem Weg dorthin werden von Kommentatoren verurteilt. Die Zuschauer lieben es, den Amerikaner zu hassen; sie sehen in ihm bloß einen renitenten Bengel, fehl am Platz im Gentlemen's Club. Nur sein Kontrahent erkennt (und respektiert) das Genie im Wahnsinn: „Er wirkt zerstreut – doch in Wahrheit ist das seine Art, sich zu konzentrieren“, erklärt er seiner Freundin.

Denn wie sich herausstellt, hatte auch Borg als Kind mit Aggressionsproblemen zu kämpfen. Nur dank seines Trainers und Förderers Lennart Bergelin (Stellan Skarsgård) konnte er sie bändigen. Der Zorn fußte bei ihm auf elterlicher Vernachlässigung, während McEnroe immer noch am Perfektionswahn seiner Erzieher zu nagen hat. In Rückblenden drillen sie ihren Sohn gnadenlos auf Exzellenz – und führen ihn Bekannten vor wie eine Zirkusnummer. Wie viel davon stimmt, sei dahingestellt: Im Film dient es der Herstellung eines Naheverhältnisses zwischen den Protagonisten. Wobei vor allem McEnroe seine Dämonen im Zaum halten muss: „Selbst wenn du gewinnst, wird sich keiner an dich erinnern – weil dich keiner mag“, bekommt er von einem verärgerten Freund vor den Latz geknallt.

 

Wer gewinnt, ist letztlich unwichtig

Alles steuert aufs große Match zu, das fulminante Entscheidungsspiel – doch leider schlägt die Regie gerade hier ins Aus. Der unbeholfene Versuch, eine von Natur aus filmische Sportart mit dramatischer Musik und Montage-Kapriolen zu dynamisieren, geht nach hinten los – Laien kennen sich dadurch nicht besser aus, Fans werden kaum Mehrwert daraus ziehen, und die Notwendigkeit, Begriffe wie „Tie-Break“ mitten im Spiel zu erklären, hilft nicht gerade dabei, Suspense aufzubauen. Letztlich scheint es ohnehin nicht wichtig, wer gewonnen hat. Viel bedeutender als jede Ranglistenposition, so legt der Schluss nahe, ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2017)

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