Waltz in Wien: „Bin Mechaniker“

Viennale. Das Wiener Festival präsentiert das Werk des österreichischen Hollywood-Stars Christoph Waltz. Sein Gala-Auftritt schwankte zwischen Bissigkeit und Selbstironie.

Er sei ganz furchtbar im Improvisieren, gesteht Viennale-Stargast Christoph Waltz: „Ich bin nur gut, wenn's gut geschrieben ist.“
Er sei ganz furchtbar im Improvisieren, gesteht Viennale-Stargast Christoph Waltz: „Ich bin nur gut, wenn's gut geschrieben ist.“
Er sei ganz furchtbar im Improvisieren, gesteht Viennale-Stargast Christoph Waltz: „Ich bin nur gut, wenn's gut geschrieben ist.“ – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wenn Christoph Waltz in Filmen einen sardonischen Grinser aufsetzt, kündet das meist von bösem Hintersinn. Doch im echten Leben ist sein Lächeln sehr gewinnend – und so breit, dass man es auch aus den hintersten Reihen des weitläufigen Wiener Gartenbaukinos gut erkennen kann. Ein Glück für Fans, die sich letzten Dienstag ebendort einfanden, um dem Hollywood-Star und zweifachen Oscar-Gewinner zu huldigen: Die Viennale hat es geschafft, Waltz für eine Galaveranstaltung in seine Geburtsstadt zu holen. Der Saal war voll, die Stimmung gut: Bei der einleitenden Vorführung des fiesen Boulevardstücks „Gott des Gemetzels“ (mit Waltz in der Rolle eines zynischen Anwalts) wurde laut gelacht und heftig applaudiert. Auch während des folgenden, knapp einstündigen Bühnengesprächs bedachte das Publikum etliche Sager des gut gelaunten Schauspielers mit Beifall.

Dabei scheint sein Gebaren fast aus einer anderen Zeit: Die Haltung etwas steif, der Sprachfluss gemessen, gespickt mit Ausdrücken wie „gottlob“ und „gebührlich“ – aber nie um ein Bonmot verlegen. Eine Alte-Welt-Aura zwischen Bissigkeit und Bescheidenheit, Snobismus und Selbstironie, die im heutigen Großkinobetrieb nur noch wenige ausstrahlen. Angesichts der Überlegtheit von Waltz' Antworten überraschte sein Bekenntnis nicht, er sei furchtbar im Improvisieren, „ein Mechaniker“, er achte beim Textlernen manchmal sogar auf Satzzeichen: „Ich kann nur gut sein, wenn's gut geschrieben ist.“ Dennoch habe er nie einen Lebensplan gehabt, sei stets Möglichkeiten gefolgt. Die wohl unwahrscheinlichste davon war die Rolle Hans Landas in „Inglourious Basterds“ – einer von sieben Filmen, die im Rahmen des Waltz-Tributes der diesjährigen Viennale gezeigt werden.

 

Der dekonstruierte Bösewicht

Bis 2009 war Waltz vor allem am Rande des deutschen Fernsehens tätig, durfte etwa den „Alten“ Siegfried Lowitz per Bauchschuss in den Ruhestand versetzen („Einige sind mir dafür heute noch dankbar“, scherzte er in Wien). Tarantinos Nazi-Jäger-Geniestreich stellte seine mimische Ausdruckskraft und sein Sprachtalent (samt markantem Akzent) ins internationale Rampenlicht – und machte ihn schlagartig weltberühmt. Waltz' brillante Darstellung eines durchtriebenen SS-Standartenführers bot einen Bösewicht aus dem Bilderbuch – und zugleich dessen Dekonstruktion. Das prädestinierte Waltz quasi für die Rolle eines Bond-Widersachers, den er in „Spectre“ tatsächlich spielen durfte – und überraschend ernst anlegte.

Waltz' Figuren leben oft von der offensichtlichen Spannung zwischen dem, was sie sagen, und dem, was sie meinen: Ihr Sarkasmus kann bedrohlich wirken wie bei Landa, widerlich wie in Tim Burtons Künstlerbiografie „Big Eyes“ – oder auf ungute Weise sympathisch wie im „Gott des Gemetzels“. Übertriebene Höflichkeit ist ihr größter Trumpf. Auf die Donaumetropole angesprochen, zitierte Waltz passenderweise Karl Kraus: „Der echte Wiener ist aus Schleim gemeißelt.“

In seinen jüngsten Arbeiten zeichnet sich ein leichter Imagewandel ab: Im Melodram „Tulpenfieber“ und in der American-Dream-Satire „Downsizing“ lassen Waltz' Unmenschen Funken von Menschlichkeit durchscheinen. „Georgetown“, sein Debüt als Kinoregisseur, hat er übrigens auch schon abgedreht. Der Film basiert auf der wahren Geschichte einer verhängnisvollen Ehe zwischen einem ausgefuchsten Parvenu (verkörpert von Waltz) und einer reichen alten Witwe (Vanessa Redgrave). Er sichte gerade das Material, sagte Waltz – mit dem schmunzelnden Zusatz, dass ihm das Endergebnis noch nicht ganz klar sei. Ganz ohne Improvisation geht es also doch nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2017)

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