Animationsfilm "Teheran Tabu": Wie man Teheran in ein Wiener Studio holt

Einen Film über Tabus und Doppelmoral in der iranischen Gesellschaft im Iran zu drehen, ist undenkbar. Also drehten die Macher von „Teheran Tabu“ in Wien – und bauten sich die Stadt digital zusammen. Über die Entstehung eines besonderen Animationsfilms.

„Teheran Tabu“ feiert am Sonntag bei der Viennale seine Österreich-Premiere: um 21 Uhr im Gartenbau-Kino. Kinostart ist dann am 30. November.
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„Teheran Tabu“ feiert am Sonntag bei der Viennale seine Österreich-Premiere: um 21 Uhr im Gartenbau-Kino. Kinostart ist dann am 30. November.
„Teheran Tabu“ feiert am Sonntag bei der Viennale seine Österreich-Premiere: um 21 Uhr im Gartenbau-Kino. Kinostart ist dann am 30. November. – (c) Filmladen

Ganz Teheran, mit seinen engen Basaren, verstopften Straßen, Hochhäusern und Kellerdiscos, passt in ein Wiener Hinterhofstudio. Auch seine Mittelschichts-Wohnzimmer und Studentenbuden, seine gepflegten Gärtchen und kahlen Schulhöfe, seine Straßenstriche und Behördenzimmer. Sie alle sind Schauplätze von „Teheran Tabu“, dem ersten Spielfilm des in Deutschland lebenden Exil-Iraners Ali Soozandeh, der vier jungen Menschen durch das moderne Teheran folgt, wo die Restriktionen groß sind, wo Sex und Drogen mit Doppelmoral begegnet wird und Freiheiten oft nur mit List erschlichen werden können.

Selbsterklärend, dass Soozandeh seinen Film nicht in Teheran drehen konnte. Also baute er sich die Stadt für seinen Animationsfilm virtuell zusammen – und ließ Szenen entstehen, die sich so oder so ähnlich täglich in der Stadt ereignen. Eine Prostituierte, deren Sohn am Rücksitz Kaugummi kaut, während sie vorn Blowjobs verkauft. Zwei Studenten auf Ecstasy, die sich aufs Discoklo zurückziehen – und später Geld auftreiben müssen, um die Jungfräulichkeit des Mädchens wieder herstellen zu lassen. Eine verheiratete Frau, die sich ohne Einverständnis ihres Mannes um einen Job bewirbt. Gedreht wurde das alles in Wien. Die „Presse am Sonntag“ hat die Dreharbeiten im Frühsommer 2015 besucht – und beobachtet, wie nicht nur vor zwei grünen Wänden eine Welt erschaffen wurde, sondern auch neue Wege in der Animationstechnik beschritten wurden.


Im Studio. Es ist heiß im Studio. „Drehfertig?“, tönt es vom Tisch hinter großen Monitoren. Vor der Kamera sprüht die Maskenbildnerin einer Schauspielerin Haarspray auf den Haaransatz und legt ihr einen Hijab an. „Klappe, Set und – bitte“, sagt der Mann hinter der Kamera. Die Schauspielerin geht barfuß ein paar Schritte über den grünen Teppich und hebt einen Schlapfen auf. „Verdammtes Vieh!“, murmelt sie. Im Film wird später erkennbar sein, dass sie auf dem Balkon gerade mit dem Schlapfen nach einer Katze geworfen hat. Im Studio gibt es weder einen Balkon noch eine Katze. Sämtliche Kulissen werden erst digital modelliert und hinzugefügt. Auf einem Tisch im Studio liegen die wenigen Requisiten, die zum Einsatz kommen: Wasserpfeifen, etwas Schmuck, ein Spielzeugbagger. Nur, was die Darsteller berühren, ist physisch vorhanden, der Rest – die Bücher im Regal, die Autos auf der Straße – kommt in der Postproduktion dazu. „Das ist auch ein Risiko“, sagt der Produzent Ali Samadi Ahadi: „Du weißt nicht, wie es aussehen wird.“

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Die Darsteller wurden in einem Studio im 15. Wiener Bezirk vor Green Screens aufgenommen, die Hintergründe später digital modelliert. – (c) Filmladen

„Ich glaube, es hat noch nie in Wien in diesem Ausmaß Green-Screen-Shooting gegeben“, sagt er in einer Pause. Fünf Wochen lang wird zehn Stunden täglich gedreht, dann folgt die Postproduktion. Zentrale Technik dabei ist die Rotoskopie: Das Verfahren, bei dem über gefilmte Sequenzen gezeichnet wird, ist über hundert Jahre alt und kam schon bei frühen Zeichentrickfilmen zum Einsatz, etwa in Disney's „Schneewittchen“ von 1937: Da wurden mit einer Schauspielerin gedrehte Tanzszenen Bild für Bild abgepaust, um die Bewegungen von Schneewittchen realistischer aussehen zu lassen. Heute passiert das Zeichnen meist nicht per Hand, sondern am Computer. Richard Linklater war der erste, der die Technik für einen ganzen Film einsetzte, seine Werke „Waking Life“ (2001) und „A Scanner Darkly“ (2006) wurden komplett mit Schauspielern gedreht und dann mit Hilfe digitaler Prozesse rotoskopiert. Der Vorteil: Die Figuren sehen wie gezeichnet aus, behalten aber ihre realistischen menschlichen Züge.


Die Mimik bleibt. Darum ging es auch dem Team von „Teheran Tabu“. „Am Ende wird von dem Bild, das wir jetzt aufnehmen, wenig überbleiben“, sagt Samadi. „Die Schauspieler werden neu texturiert, die Klamotten ändern die Farben, die Lichtstimmung ändert sich.“ Was allerdings bleibe, seien Gesten, Mimiken, Ausdrücke – diese emotionale Dichte könne man nie erreichen, würde man den Film gleich zeichnen. Die Motion-Capture-Technik, bei der die Bewegungen von Schauspielern mittels am Körper angebrachter Marker gemessen werden und mit der Fantasy-Kreatur wie Gollum in „Der Herr der Ringe“ geschaffen wurden, hat das Team nicht nur aus Kostengründen verworfen: „Diese Verfahren sind bei Weitem nicht so stark, wie wenn man echte Schauspieler am Set hat, die echte Momente liefern.“

Im Sinne der Authentizität spielen auch nur iranisch-stämmige Schauspieler in „Teheran Tabu“ mit. „Die Menschen aus dem Iran reden mit einem ganz anderen Körperausdruck, erst recht, wenn sie persisch miteinander reden. Man soll das Gefühl haben, dass der Film verortet ist“, sagt Samadi, der selbst mit 13 Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam und seit 2009, als er die Doku „The Green Wave“ über die vom Regime blutig niedergeschlagenen Proteste drehte, nicht mehr in seine Heimat zurück kann.

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"In 'Teheran Tabu' geht es um all die Themen, die das iranische Regime totschweigt", sagt Produzent Ali Samadi Ahadi. – (c) Filmladen


Sex-Skandal. Auch Zahra Amir Ebrahimi lebt im Exil. Sie war ein Serienstar im Iran, als sie 2006 ins Zentrum eines Skandals um ein Sexvideo geriet, das angeblich sie zeigte. Sie bekam Berufsverbot, ein hoher Politiker forderte gar ihre Steinigung. 2008 zog sie schließlich nach Paris. „Ich kann dem Iran nicht vertrauen“, sagt sie. In „Teheran Tabu“ spielt sie die schwangere Sara, die von ihrem Mann, „den sie sich wahrscheinlich nie ausgesucht hat“, in ein häusliches Leben gedrängt wird. Die Arbeit im Green-Screen-Studio, also quasi im luftleeren Raum, mit nichts, das ihr schauspielerisch Halt gibt, sei eine Herausforderung: „Manchmal verstehe ich noch immer nicht, was wir hier tun.“

Ebrahimi ist stark geschminkt, ihre Gesichtskanten sind schwarz nachgezeichnet, auch die Nähte ihrer knallbunten Kleidung sind schwarz nachgezogen – so können die Konturen besser vom Computer erkannt werden. „Das Schöne ist, dass wir hier technisch gewisserweise Pionierarbeit leisten“, sagt Samadi. Denn was es im Spielfilmbereich noch nicht gegeben habe, sei das Verfahren, rotoskopierte Charaktere mit computergenerierten Hintergründen zu verbinden – und die in Wien gedrehten Szenen somit nach Teheran zu versetzen. So wurden etwa fotografierte Hausfassaden mit 3D-Programmen nachgebaut. „Die Grenzen zwischen Animation und Realfilm verschwinden immer mehr“, sagt Samadi.

Ganz einfach gestaltet sich das nicht immer. „Die Herausforderung ist, während man die Schauspieler lenkt, auch die Hintergründe im Kopf zu haben“, sagt Regisseur Soozandeh. „Wir haben zwar Grundrisse, aber nur ich weiß, wie die Welt später aussehen soll, wie die Stimmung sein soll.“ Dass auch ein Kind mitspielt, mache die Sache noch schwerer: „Die Katze wird animiert, die ist jetzt ein blaues Sackerl. Wie erklärt man das einem Kind?“

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(c) Filmladen

Ach, Kinder hätten doch genug Vorstellungskraft, wirft Kameramann Martin Gschlacht ein. Viel davon braucht auch er: „Wir bewegen uns fast nur digital durch den Film.“ Soll heißen: Die Kamera steht fix, Schwenkbewegungen werden im Nachhinein generiert. Und wo in einer gewöhnlichen Produktion bei Dialogen mittels Schuss-Gegenschuss-Technik gedreht wird, braucht Gschlacht hier nur die Darsteller zu drehen und den Scheinwerfer auf die andere Seite zu stellen. „Das ist extrem abstrakt und verlangt viel Hirnakrobatik.“ Nicht einmal Wände gibt es hier, und soll ein Schauspieler eine Tür öffnen (wie etwa in einer vom Inneren eines Kühlschranks gefilmten Szene), reicht eine pantomimische Darstellung – immerhin wird auch die Tür erst digital modelliert. „Ich habe einen meiner Mitarbeiter explizit darauf angesetzt: Achte darauf, dass keiner durch Wände geht!“


„Schizophren.“ Die Kühlschrankszene ist erst nach einer gefühlten Ewigkeit im Kasten. Sara (Ebrahimi) greift darin nach einem Fläschchen Medizin für ihren Schwiegervater. Der sitzt den ganzen Tag auf der Couch, nascht trotz Diabetes und schaltet im Fernsehen vom Staatssender auf nackt tanzende Frauen um, sobald er allein ist. „Die iranische Gesellschaft ist nach der Revolution noch einmal schizophrener geworden“, erzählt Samadi. „Die Menschen geben ja nicht zwangsläufig etwas auf die Verbote eines steinalten Geistlichen. Sie leben ihr Leben, aber hinter geschlossenen Türen. In ,Teheran Tabu‘ geht es um all die Themen, die das iranische Regime totschweigt.“ Drehgenehmigungen für solche Filme werden natürlich nicht erteilt. Gedreht werden sie trotzdem. „Schwarz“ – oder eben mit Hilfe der Animation.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2017)

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