Gemeinsam getrennt im Elternhaus

Kritik „Was uns bindet“, das berührende Porträt einer Familie aus dem Lungau.

Ein ländliches Wohnhaus im Dunkeln. Licht und Fernsehgeräusche dringen durchs Kellerfenster. Einen Stock höher: der gleiche Anblick. Unten lässt der Mann seinen Tag ausklingen, oben die Frau. Ein Ehepaar, verbunden und doch getrennt. Die Härte dieses Sinnbilds bekundet die Unverstelltheit des Blicks der Regisseurin Ivette Löcker. Denn beim gespaltenen Paar handelt es sich um ihre Eltern. Seit langer Zeit leben sie im Salzburger Lungau – formal noch verheiratet, innerlich längst auseinandergelebt.

Um die Erbschaft auszuloten, werden die Löcker-Töchter an ihren Heimatort zurückbeordert. Für Dokumentaristin Ivette, die in Berlin lebt, heißt das erst einmal: Atemnot, Verspannungen. Vielleicht ist das Familienporträt, das sie im Zuge der Lungau-Besuche gedreht hat, auch ein Versuch, diese Beklemmung filmisch zu verarbeiten.

Der Anfang von „Was uns bindet“ zeigt die Eltern in Zeitlupe bei der Gartenarbeit, begleitet von beschwingten Jazz-Pop-Klängen. Das erinnert an „Blue Velvet“ von David Lynch – und legt wie im Mysteryklassiker eine falsche Fährte. Aus Interviews und unscheinbaren Momentaufnahmen schält Löcker eine Daseinsbilanz, die selbst in ihren heitersten Momenten Melancholie verströmt. Ihr Ursprung: eine generationstypische Weichenstellung. Frühe Heirat, frühes Eigenheim, Kinder, Verantwortung, Abhängigkeit. Die Liebe schwand, während sich die Verhältnisse verstetigten. „Samma halt beinandergeblieben, und dann hat das Schicksal seinen Lauf genommen“, sagt der Vater. Eine von vielen Fügungsfloskeln, die den Frust über verpasste Chancen verdecken sollen.

 

Gemeinsamer Feind Einsamkeit

Dieser sucht sich dennoch Ventile. Bei Werner Löcker sind es Flucht- und Freiheitsgedanken: „Vielleicht kommen noch ein paar schöne Jahre.“ Vom Nebenverdienst als Pizzabote leistet er sich eine Reise zur Expo nach Mailand. Und lädt die Damen beim Faschingsfest zum Engtanz. In einer früheren Szene war von einer Affäre Werners die Rede – „immer wieder eine“, wie Irene Löcker mit sarkastischem Lachen ergänzt. Hinter ihrem entrückten Gleichmut stehen Jahre der Selbstbescheidung. Mit vierzehn verließ sie ihr Geburtsland Slowenien, eine Entwurzelung, ebenso schmerzlich wie die Frage: Wofür?

Dennoch: So wenig die Löckers miteinander können, so sehr sind sie aufeinander angewiesen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind Einsamkeit. Die Kinder sind weit fort, nicht zuletzt aufgrund des Klimas zu Hause. Szenen, in denen Ivette und ihre Schwestern verhaltenen Vorwürfen wegen des mangelnden Bezugs zum Elternhaus ausgesetzt sind, sind eindringliche Zeugnisse der Sprach- und Hilflosigkeit, die viele bei familiären Konflikten befällt. Viel zu viel Geschichte hängt an jedem Wort, viel zu eingefahren sind die Meinungen. Es ist die Verzweiflung im Angesicht eines gordischen Knotens. Erst am Ende scheint sich dieser ein wenig zu lösen, in einer Sequenz, deren Luftholgestus leicht aufgesetzt wirkt – und den man doch allen Beteiligten vergönnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2017)

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