Fritz Karl: „Müßiggang ist etwas Schönes“

Vom Leistungszwang, um den es in seinem neuen Film „Life Guidance“ geht, hält Schauspieler Fritz Karl wenig.

Vielseitig. Den Ruf, alles spielen zu können, hat sich Fritz Karl aktiv erarbeitet.
Vielseitig. Den Ruf, alles spielen zu können, hat sich Fritz Karl aktiv erarbeitet.
Vielseitig. Den Ruf, alles spielen zu können, hat sich Fritz Karl aktiv erarbeitet. – (c) Carolina Frank

Dass er sich auf seine Rollen nicht akribisch vorbereiten würde, kann man Fritz Karl nicht vorwerfen. Im Gegenteil. Als er einmal einen Zahnarzt spielte, verbrachte er zwei Tage in der Praxis seines eigenen. „Ich glaub, dem bin ich wahnsinnig auf die Nerven gegangen.“ Für eine „Tatort“-Rolle als Geiger nahm er sechs Monate lang Violinunterricht. „Das war mühsam. Mir tut heute noch die Geige leid!“ Und für das Fernsehdrama „Jennerwein“, in dem er – an der Seite von Christoph Waltz – einen Wilderer spielt, lernte er, wie man ein Vieh zerlegt. „Wenn Sie einen Hirsch dabeihaben, zerlege ich Ihnen den und gebe ihn Ihnen schön portionsweise. Dass Sie ihn gleich einfrieren können.“

Old-School-Recherche. Wo Handanlegen nicht weiterhilft, recherchiert er gern auf altmodische Art. Nicht mittels Google, sondern in Bibliotheken und Archiven. Was aber tut man, wenn man eine Rolle spielen soll, für die es keine historischen Vorbilder gibt, kein Handwerk, das sie ausmacht, kein Wissen, über das man sich ihr annähern kann? Alexander Dworsky ist so eine Figur. Ein Familienvater, der im Finanzsektor arbeitet – und zwar in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Kapitalismus und Leistungsgesellschaft zu alle Lebensbereiche prägenden Doktrinen geworden sind. Schon die Kinder singen im Chor vom Potenzial, das gesteigert werden will, Motivation und Performancewille sind die von allen verlangten Tugenden, Gefühle und Zweifel haben hier keinen Platz. Zumindest in der Klasse der Leistungsträger: Wer nicht mithalten kann, wird in „Schlafburgen“ mit bunten Säften ruhiggestellt. Und wer droht, in der glatten, strahlenden Welt der optimalen Bürger nicht mehr zu funktionieren, bekommt eine Art betreutes Leben verordnet: „Life Guidance“ nennt sich die Agentur, die sich im gleichnamigen Film von Ruth Mader in Alexanders Leben einmischt.

Fritz Karl spielt diesen Mann, einen sensiblen Charakter, der eine innere Leere spürt, sich nach Gerechtigkeit sehnt und die Grenzen des Systems auslotet. „Die größte Herausforderung war die Form der Darstellung, dieses Sterile, In-sich-Gekehrte“, sagt er. Zur Vorbereitung dienten ihm diesmal Gespräche und Proben mit der Regisseurin. „Weil, wo recherchiert man für einen Science-Fiction-Film – in der Zukunft?“, lacht er. Und fügt an: „Wobei, ich habe ja in der Garage noch einen Fluxkompensator.“

Selbstoptimierung. Dabei seien Anzeichen jener Entwicklung, die der Film kritisiert, auch heute schon spürbar. Das merkt Karl auch im Beruf: „Es wird dauernd verlangt, dass man das Kaninchen aus dem Hut holt. Fehler zu machen oder zu versagen ist im Moment gleich mit Jobverlust oder Ächtung verbunden.“ Früher seien Schauspieler langsam aufgebaut worden – diesen „langen Atem“ gebe es nicht mehr. Zudem sei der Zwang zur Selbstoptimierung auch in der Freizeit der Menschen präsent  – für Karl ein Grund dafür, dass psychische Erkrankungen wie Burn-out zunehmen. „Das Wort Müßiggang ist so negativ belastet – obwohl es etwas unglaublich Schönes ist! Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich müßiggehe.“

Von den Dreharbeiten zu „Life Guidance“, in dem Florian Teichtmeister den stets lächelnden Optimierungsbetreuer spielt, schwärmt Karl: „Da war ja alles bis in die kleinste Statistenrolle toll besetzt.“ Manchmal überraschend: So ist etwa Alfons Mensdorff-Pouilly in seiner ersten Filmrolle zu sehen. „Ein sehr netter Mann. Wir hatten einen Riesenspaß“, sagt Karl. Mensdorff-Pouilly spielt den Vorsitzenden einer Jagdgesellschaft, einer schrägen Herrenrunde. „Er hat das, glaub ich, wahnsinnig genossen.“

Karl selbst begann seine Schauspielkarriere – nach einem Einstand bei den Sängerknaben – schon mit 16 oder 17 Jahren. Seine erste Bühnenrolle war eigentlich ein getarnter Technikerjob, er musste sich um Scheinwerfer kümmern und das Wasser von einer Plane wischen – und durfte dafür auch vor den Kulissen einen Satz sprechen. „Bei der nächsten Rolle durfte ich schon mehr sagen. Ich habe das langsam gelernt.“

Bald schaute er dabei auch über die Landesgrenzen. „Der Widerstand, den ich in Deutschland überwinden musste, war ein gewaltiger. Die erste Frage war: Kann der überhaupt Hochdeutsch?“ Mittlerweile spielt er mehr im Ausland als in Österreich – und zwar Rollen, die weder in ihrer Herkunft noch in ihrem Charakter festgelegt sind. Wohl auch dank seiner Vielseitigkeit zählt der 50-Jährige zu den beliebtesten Film- und TV-Darstellern im deutschsprachigen Raum. Den Ruf, alles spielen zu können, hat er sich aktiv erarbeitet. So hat er auch seine Rolle in der Serie „Julia – Eine ungewöhnliche Frau“ (mit Christiane Hörbiger), mit der er bekannt geworden ist, nach drei Staffeln abgelegt. „Ich bin ganz bewusst ausgestiegen. Und habe ganz andere Figuren gesucht. Sonst bin ich mit 50 noch der jugendliche Liebhaber.“ Nach einer Pause fügt er kokett hinzu: „Sie hätten jetzt sagen müssen: ,Ah, das können Sie ja immer noch!‘“

Tipp

„Life Guidance“. Von Ruth Mader. Mit Fritz Karl, Katharina Lorenz, Florian Teichtmeister. Ab 12. Jänner im Kino. www.lifeguidance.at

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