„The Killing of a Sacred Deer“: Der Horror der Gerechtigkeit

In Yorgos Lanthimos' surrealer Parabel „The Killing of a Sacred Deer“ gerät Colin Farrell als ein Herzchirurg in ein unlösbares Dilemma: formvollendetes filmisches Unbehagen.

Anna (Nicole Kidman) und Steven (Colin Farrell) in scheinbarer Geborgenheit im Herrenhaus.
Anna (Nicole Kidman) und Steven (Colin Farrell) in scheinbarer Geborgenheit im Herrenhaus.
Anna (Nicole Kidman) und Steven (Colin Farrell) in scheinbarer Geborgenheit im Herrenhaus. – (c) Alamode Film

Wer eine Affinität zur griechischen Mythologie hat, für den ist der Titel des neuen Films von Yorgos Lanthimos womöglich schon ein Spoiler. „The Killing of a Sacred Deer“, das verweist schließlich unmissverständlich auf den literarisch vielfach beackerten Iphigenie-Mythos: Als König Agamemnon eine der Göttin Artemis geweihte Hirschkuh in ihrem heiligen Hain erlegte und sich danach mit seinem Jagderfolg brüstete, hinderte sie die Flotte der Griechen zu Beginn des Trojanischen Krieges an der Weiterfahrt und forderte vom übermütigen Erdensohn als Abbitte das Opfer seiner Tochter Iphigenie. Die Reverenz macht von Anfang an klar: Hier wird es um große Themen gehen, um Schuld und Sühne, Schicksal und Pönale. So ist es dann auch – nur anders, als man erwartet. Diese Kinoparabel kommt ohne exaltierte Melodramatik, opernhaftes Gehabe und gewichtige Monologe aus. Stattdessen bleibt sie klar, kühl und undurchdringlich – wie das Pokerface eines grausamen Gottes.

 

Ein scheinbar perfektes Leben

Die Handlung ist reduziert: Der erfolgreiche Herzchirurg Steven (Colin Farrell) führt ein scheinbar perfektes Leben mit seiner Frau Anna (Nicole Kidman) und ihren beiden Kindern. Das familiäre Herrenhaus im Nobelviertel bietet Wärme und Geborgenheit. In seiner Freizeit trifft sich Steven immer wieder mit einem etwas verschroben anmutenden Teenager namens Martin (Barry Keoghan, zuletzt in „Dunkirk“ zu sehen), lädt ein, macht ihm Geschenke. Warum, ist nicht ganz klar. Offenbar fühlt er sich ihm gegenüber verantwortlich – wie sich herausstellt, hat der Bub keinen Vater mehr. Nach einem Besuch in Martins Wohnung, wo dessen Mutter (ein schöner Gastauftritt von Alicia Silverstone) Steven sexuelle Avancen macht, geht der Arzt auf Distanz.

Kurz darauf spürt sein Sohn seine Beine nicht mehr. Und Martin lässt seinen vermeintlichen Wohltäter wissen, dass zwischen Ersterem und Letzterem ein Zusammenhang besteht. Dass seine Taten Konsequenzen haben – schreckliche, unaufhaltsame Konsequenzen.

Allerspätestens an dieser Stelle wird klar, dass es sich bei „The Killing of a Sacred Deer“ nicht um einen herkömmlichen Thriller handelt, sondern um eine surreale Allegorie, die nach eigenen Regeln funktioniert – bei der sich manche Dinge nicht erklären lassen, sondern schlicht und ergreifend passieren. Wer Lanthimos' frühere Arbeiten kennt, ist dagegen gewappnet. Sein griechischer Durchbruch, „Dogtooth“, handelt von einer Familie, die sich komplett von der Außenwelt abschottet – und deren Alltag wunderlich-verstörende Blüten treibt. Im englischsprachigen „Lobster“ (auch mit Colin Farrell) entwirft er eine Dystopie, in der Singles verpflichtet sind, Partner zu finden – oder in Tiere verwandelt werden. Sein jüngstes Werk ist im Vergleich dazu stärker in einer vertrauten Realität verankert – aber dennoch deutlich von dieser entrückt.

Denn Lanthimos ist ein Meister formaler Verfremdung, und er nutzt alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel. Die gestochen scharfen, peinlich genau kadrierten Einstellungen seines Kameramanns Thimios Bakatakis verwandeln jedes Bild in ein steriles Diorama gehobener Entfremdung. Die Satzmelodie des oft bewusst banalen, zugleich immer etwas zu intimen Dialogs ähnelt der eines Navi-Geräts, Ambivalenz regiert. Ausgedehnte Fahrten folgen Steven durch endlose, unheimlich saubere Krankenhauskorridore, deren verzerrte Fluchtlinien ein Gefühl von Unausweichlichkeit vermitteln – wie in Stanley Kubricks „The Shining“.

 

Albtraum mit Sogwirkung

Die albtraumhafte Atmosphäre entfaltet eine Sogwirkung, der man sich schwer entziehen kann. Der Flirt mit dem Horrorgenre geht ziemlich weit, Lanthimos' trockener Humor ist hier fast vollständig ausgetrocknet. Ligeti und Bach sorgen für Pathos. Und am Ende kippt der Film in Arthaus-Brutalität, à la Michael Haneke anno „Funny Games“. An den österreichischen Autorenfilmer erinnert auch der thematische Grundkonflikt: Die verdrängten Sünden des Bürgertums schlagen zurück. Doch Lanthimos' mythische Vision von Gerechtigkeit ist kaum leichter zu ertragen als der unfaire Normalzustand. Obwohl der Film mit einer Operation am offenen Herzen beginnt, braucht man sich keine Katharsis zu erwarten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2018)

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