Ruth Mader: "Das könnte schon jetzt sein"

Ruth Mader träumt in ihrem neuen Film "Life Guidance" den Albtraum einer Zukunft, die in Teilen schon Gegenwart sein könnte. Wenn die Leistungsträger nicht parieren, droht der Abstieg in eine Unterschicht, die in Schlafburgen leben.

Maders Vorbild für die markante Ästhetik ihrer Dystopie war Kubricks „Clockwork Orange“, raffiniert und einfach zugleich. Fritz Karl spielt die Hauptrolle (l.).
Maders Vorbild für die markante Ästhetik ihrer Dystopie war Kubricks „Clockwork Orange“, raffiniert und einfach zugleich. Fritz Karl spielt die Hauptrolle (l.).
Maders Vorbild für die markante Ästhetik ihrer Dystopie war Kubricks „Clockwork Orange“, raffiniert und einfach zugleich. Fritz Karl spielt die Hauptrolle (l.). – (c) KGP

Die Presse: Was hat Sie dazu bewegt, eine Kino-Dystopie zu drehen?

Ruth Mader: Einerseits ein generelles Unbehagen – das Gefühl, dass die Gesellschaftsschichten auseinanderdriften. Andererseits der Eindruck, dass man immer mehr diktiert bekommt, wie man zu denken hat.

 

Was meinen Sie damit?

Es ist ein gesellschaftlicher Trend. Das jüngste Beispiel kommt aus Schweden: Dort ist ein Gesetz in Planung, nach dem selbst von Ehepartnern mündliches Einverständnis vor dem Sex gefordert wird. Ich hatte angesichts dieser Zustände das Bedürfnis, einen Sci-Fi-Film zu drehen, in dessen Verlauf der Zuschauer begreift: Das könnte ja schon jetzt sein! Und darüber erschrickt.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, einen Finanzdienstleister zur Hauptfigur zu machen – und in die Dissidentenrolle zu drängen?

Er ist ein Vertreter der oberen Mittelschicht, der im Kontrast zu den Minimumbeziehern steht, die im Film in Schlafburgen leben – und den Working Poor, die zwar viel arbeiten, aber nur wenig Lohn bekommen. Alexander ist voll leistungsfähig, funktioniert perfekt, kriegt aber trotzdem Probleme. An ihm wird veranschaulicht, wie das System tickt. Nicht einmal die volle Leistung reicht.

Fehleranfällige Manager müssen zum Sensibilisierungstraining, wo sie Billetts falzen und Mosaikspiegel machen.

Das ist wie Ergotherapie – handwerkliches Arbeiten, um psychisch vorwärtszukommen.

Und im Kindergarten singt man von der Entfesselung des persönlichen Potenzials.

Bei Film-Screenings in Europa haben die Leute gelacht. In Asien und den USA nicht – dort sind Motivationsgesänge schon real.

Das Design der Welt von „Life Guidance“ ist sehr markant. Was hat Sie inspiriert?

Stanley Kubrick ist mein großes Vorbild, in diesem Fall besonders „Clockwork Orange“. Ein Sci-Fi-Film, der auch Jahrzehnte nach Erscheinen noch relevant ist – und sein filmisches Universum durch die Auswahl der Motive erschafft. Die Raffinesse und gleichzeitige Einfachheit dieser Methode ist für mich der Schlüssel zu großem Kino.

 

Wie haben Sie Ihre Motive ausgesucht?

Manche, wie der Karl-Seitz-Hof für die Schlafburg oder die Hernalser Hauptstraße für die Working Poor, standen früh fest. Andere haben wir monatelang gesucht.

 

Der Karl-Seitz-Hof hat historische Aura.

Er ist ein schöner Gemeindebau der Zwanziger Jahre und steht für eine Utopie der Sozialdemokraten, die gescheitert ist. Dort werden die Abgedrängten in meinem Film abgestellt – das ist im Grunde jetzt schon so. Beim WU-Campus, der als Zentrale der Life-Guidance-Agentur dient, ging es mehr um ästhetische Überlegungen: Wir haben eine große, mächtige, farblich weiße Lobby gesucht. Da gibt es in Wien gar nicht so viele.

 

In Ihrem Film herrscht unausgesprochen, aber unmissverständlich totale Transparenz. Der gläserne Mensch ist Realität. Wie halten Sie es selbst mit Datenschutz?

Ich bin in dieser Hinsicht sehr konservativ. Ich nutze kein Online-Banking und bin nicht auf Facebook aktiv.

 

Haben Sie ein Smartphone?

Ja, aber den Internetzugang habe ich deaktiviert. Es geht dabei auch um Konzentration: Ich will, wenn ich arbeite, nicht dauernd meine E-Mails abrufen. Die Sicherheit ist ja schon mit der SIM-Karte verloren gegangen. Theoretisch kann ich, wie jeder, der ein Handy besitzt, immer geortet werden.

 

Glauben Sie, dass sich diese Transparenztendenzen noch umkehren lassen?

Auch, wenn ich es mir wünschen würde: Das ist global und nicht aufzuhalten. Schließlich treibt jede neue Maßnahme den Prozess weiter, bald gibt es den digitalisierten Bürger. Mir ist wichtig, dass die Leute ein Bewusstsein dafür bekommen, was sie sich hier bereiten. Bequemlichkeit und Transparenz haben ihren Preis, und der Preis heißt Freiheit.

 

Warum heißt die Hauptfigur eigentlich wie ihr Titeldesigner?

Weil uns sein Name, Alexander Dworsky, einfach sehr gut zur Figur zu passen schien. Ich arbeite schon lange mit Alexander zusammen, er macht auch meine Plakate – und in seiner Nonchalance war er auch ein bisschen Vorbild für die Rolle.

 

Gespielt wird sie von Fritz Karl, den man anfangs fast nicht wiedererkennt – er sieht ein wenig aus wie Colin Firth. War er von Anfang an Ihr Wunschkandidat?

Beim Schreiben nicht, da haben wir uns eher an Vorbildern aus dem Alltag orientiert. Die Idee kam dann von meiner Casting-Direktorin, Marion Rossman. Er hat sich für die Rolle verwandelt, optisch wie darstellerisch.

Der Schauspielstil ist sehr reduziert, man spürt immer eine Art Selbstunterdrückung. Wie haben Sie das bewerkstelligt?

Durch mehrwöchige intensive Proben.

 

Eine Träne wird Alexander zum Problem, bringt die Story ins Rollen. Kann Fritz Karl wirklich auf Befehl Einzeltränen drücken?

Wenn man es vorher mit ihm abspricht, weint er, wenn die Klappe schlägt. Das hat mich schon beim Casting beeindruckt.

Einer Ihrer ersten Kurzfilme, „Null Defizit“, nahm explizit kritischen Bezug auf die damalige Schwarz-Blau-Regierung. Ist „Life Guidance“ ein aktuelles Äquivalent?

Im Gegenteil. Das Drehbuch ist viel früher entstanden, der von Florian Teichtmeister verkörperte Antagonist aus der Life-Guidance-Agentur heißt nicht zufällig „Fainmann“. Das ist kein parteipolitischer, sondern ein gesellschaftspolitischer Film, dessen Themen global gültig sind. Er lief auf Festivals in Asien, den USA und wurde dort gut aufgenommen. Mir geht es um den Neoliberalismus, das ist keine Frage der Couleur.

 

Damals sagten Sie in Interviews, Sie würden an die Macht des Kinos glauben, Menschen zu beeinflussen. Gilt das noch?

Einzelne Filme werden die Welt nicht niederreißen, aber Kunst als Instanz bewegt die Menschen – und wird von ihnen auch gebraucht, genau wie Lebensmittel.

ZUR PERSON

Ruth Mader, 1974 in Wien geboren, ist Film-Regisseurin, Autorin und Produzentin. Ihr Kurzfilm „Null Defizit“ wurde 2001 nach Cannes eingeladen, genau wie 2003 ihr erster Spielfilm „Struggle“. Ihr zweiter Spielfilm „Life Guidance“ wurde 2017 in Venedig gezeigt. [ APA/Punz]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2018)

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