"Fifty Shades Of Grey": Sex und Liebe sind oft zweierlei

Kritik Befreite Lust: Der dritte Film nach den Sado-Maso-Romanen von E. L. James, baut auf. Woody Allen hätte so eine Geschichte natürlich witziger erzählt.

„Fifty Shades Freed“: Ana (zauberhaft: Dakota Johnson) will sich an der Cˆote d’Azur ausziehen, ihr Gemahl erlaubt es nicht, sie wartet, bis er weg ist.
„Fifty Shades Freed“: Ana (zauberhaft: Dakota Johnson) will sich an der Cˆote d’Azur ausziehen, ihr Gemahl erlaubt es nicht, sie wartet, bis er weg ist.
„Fifty Shades Freed“: Ana (zauberhaft: Dakota Johnson) will sich an der Cˆote d’Azur ausziehen, ihr Gemahl erlaubt es nicht, sie wartet, bis er weg ist. – (c) Universal Pictures

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten. Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran, Und eh man sich's versieht, ist's eben ein Roman“, es ist die Lustige Person, öfter identisch mit Mephisto, aus Goethes „Faust“, die hier spricht und dem Theaterdirektor Tipps für einen Publikumshit gibt. Anspruchsvolle sind mit E. L. James nicht gut bedient, in ihren Büchern „weiten sich die Augen“ und „der Blick wird stählern“ oder „eisig“. Oje.

Als Trivialliteratur ist das Werk der Britin bereits abgehakt. Aber sie hat andere Qualitäten. Zieht man den Kitsch um Reichtum und Sado-Maso ab, erzählen die Bücher der 54-jährigen Mutter zweier Söhne einfach eine zeitgemäße Beziehungsgeschichte. Inspiriert wurde James von ihren Freundinnen, sie betrieb geistiges Crowdfunding bei Frauen ihres Alters, die mit Mann und Kindern schon einiges erlebt haben.

Konzeptuell folgt James „Twilight“, der Vampirsaga der zehn Jahre jüngeren Mormonin Stephenie Meyer. Meyers Bücher leben davon, dass nichts passiert. James' Bücher leben davon, dass ständig alles passiert. Und beide wurden kräftig verrissen. Der Hype um James ist indes kaum geheimnisvoll. Sie schreibt über das, was viele ersehnen und wenigen gelingt, die Fusion von Sex, Liebe und Beziehung. Bei den vielen bittersüßen und tragischen Liebesgeschichten im Film (und im Theater! Die Klassiker!) ist es kein Wunder, dass James das Publikum in Scharen anlockt. Nun kommt Teil 3 der Erotik-Serie (es könnte nicht der letzte sein, der Böse überlebt) ins Kino: In „Fifty Shades Of Grey – Befreite Lust“ zähmen einander der kontrollsüchtige, seelisch versehrte Milliardär Christian Grey und die frische, unverbrauchte Lektorin Anastasia Steele. Sie heiraten, verbringen traumhafte Flitterwochen in Frankreich. Aber: Er stört sie bei der Arbeit, sie weist ihn freundlich, aber bestimmt ab und trifft gegen seinen Willen ihre Freundin. Er bestraft sie in der strengen Kammer. Sie wird schwanger. Dafür ist er nicht bereit.

 

Lehrreiche Romanze mit Thriller

In diese Geschichte eingebettet ist ein Thriller, der sich um Anas früheren Chef dreht. Sowohl den Thriller als auch die Lovestory hätte Woody Allen mit mehr Esprit erzählt, aber Regisseur James Foley bekam wohl strengere Vorgaben für diesen Blockbuster – der mit wilden, aber eindimensionalen Autorennen (Audi!) und Verfolgungsjagden wie ein Westentaschen-James-Bond ausschaut. Dennoch: Foley übertraf das Buch deutlich. „Fifty Shades – Befreite Lust“ ist lehrreich, ästhetisch – mit wenigen geschmackvollen Sexszenen. Snobs müssen sich nicht genieren, schon gar nicht jene, die eine saftige Romanze zu schätzen wissen. Schluchz.

Ok, „Vom Winde verweht“ hat mehr Reibung, dafür ist „Fifty Shades“ von heute. Und es ist ermunternd, statt Bella Swan (Kristen Stewart), ständig traurig und sich verzehrend nach ihrem dämonischen Edward (Robert Pattinson) in „Twilight“, die Greys zu sehen: Ana (Dakota Johnson), pfiffig, schlau, sinnlich mit kleinen Zahnlücken statt dem üblichen makellosen Gebiss der Hollywood-Stars, und Christian (Jamie Dornan), ein strammer, sensibler Hero, der allerdings im Vergleich zu den vorherigen Filmen etwas zu stark muskulös aufgepumpt wirkt. Mögen die Greys auch weniger charismatisch sein als Emma Stone und Ryan Gosling im Künstlerdrama „La La Land“ von Damien Chazelle, das sechs Oscars gewann –, bereits der erste „Shades“-Film spielte 570 Millionen Dollar ein. „La La Land“ brachte es „nur“ auf 370 Millionen. Die Geldmaschine Hollywood schnurrt, man setzt auf Bewährtes: Schon warten Fortsetzungen von „Mamma mia!“ und „Jurassic Park“ (Teil 5!).

Der Einfluss von Forschung oder Kunst auf Paarbeziehungen ist nicht zu unterschätzen. Von De Sade, Sacher-Masoch oder Felix Salten führt ein Pfad zu Kinsey – den T. C. Boyle in seinem Roman „Dr. Sex“ schonungslos enttarnte. Weiter ging es mit Oswalt Kolle und Beate Uhse, Shere Hite und Ernst Bornemann, um nur einige der wichtigsten Bahnbrecher im Schlafzimmer zu nennen. Man könnte meinen, das Thema sei ausreichend aufgearbeitet. Aber alle paar Jahre gibt es etwas Neues, zuletzt die eher peinigend-peinlichen Konfessionen von Charlotte Roche, auch hier war übrigens wie bei den „Shades“ die Verfilmung viel frecher und überzeugender als das Buch.

In unseren Zeiten der Lust an Fantasy, Dystopie und Apokalypse braucht die andere, die wichtigere, die wahre Lust mehr Platz. Sie hat mit vielen sozialen Tugenden zu tun. „Fifty Shades of Grey“ fügt den zahlreichen Männerfantasien beim Sex eine weitere Frauenfantasie hinzu, in ihr steckt die Verheißung, dass er und sie glücklich werden können. Das sind gute Aussichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2018)

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