Ein Milliardär zum Verachten

Kritik Ridley Scotts "Alles Geld der Welt" dramatisiert die Entführung des Milliardärenkels John Paul Getty III. Ein billiges Moralstück, das nur von den Schauspielern aufgewertet wird.

Bangt um das Leben ihres entführten Sohnes: Gail Harris (Michelle Williams, neben Mark Wahlberg). Das Leid wird hier weidlich ausgekostet.
Bangt um das Leben ihres entführten Sohnes: Gail Harris (Michelle Williams, neben Mark Wahlberg). Das Leid wird hier weidlich ausgekostet.
Bangt um das Leben ihres entführten Sohnes: Gail Harris (Michelle Williams, neben Mark Wahlberg). Das Leid wird hier weidlich ausgekostet. – (c) Fabio Lovino / TOBIS

Er könne sich an diesen Ort erinnern, als ob es gestern gewesen wäre, versichert Milliardär John Paul Getty seinem Enkel, während sie durch die Ruinen der Villa Adriana hatschen. Als er die Kaiserresidenz bei Tivoli zum ersten Mal sah, hätte er sofort gewusst: In einem früheren Leben war dies sein Zuhause. Vielleicht fragt man sich kurz: Meint er das ernst? Lange währt der Zweifel nicht. Römisches Herrscherblut fließt durch die Adern aller Gettys, lässt Opa den kleinen Buben wissen. Und es würde an ihm liegen, die Dynastie weiterzutragen.

1973 wird sein vermeintlicher Liebling, nunmehr ein Teenager, in Italien entführt. Das Lösegeld beläuft sich auf 17 Millionen Dollar – eine Kleinigkeit für den damals reichsten Mann der Welt. Doch der sieht die Sache anders. „Ich habe 14 Enkel“, sagt er vor laufender Kamera. „Wenn ich auch nur einen Pfennig zahle, werden sie alle gekidnappt.“

Diese Äußerung Gettys ist historisch verbürgt. Man könnte sich wohl keine bessere realweltliche Vorlage wünschen für die Kino-Karikatur eines Geizkragens: Ein gewiefter Geschäftsmann aus Amerika, der nach dem Zweiten Weltkrieg dank Investitionen in die unverbrauchten Ölfelder Saudiarabiens zu unermesslichem Reichtum kam – und dessen Sparsamkeit so weit ging, dass er ein Münztelefon für Gäste in seinem britischen Anwesen installieren ließ. Getty entspricht so sehr dem Klischee des seelenlosen Knausers, dass man sich eigentlich nur zwei Arten von Filmen über ihn vorstellen kann: eine Satire oder ein Lehrstück für Kinder.

Gespielt wird er in Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ von Christopher Plummer. Der ursprüngliche Darsteller, Kevin Spacey, wurde nach Bekanntwerden von Missbrauchsvorwürfen aus dem Film geschnitten, seine Szenen sechs Wochen vor Kinostart mit Plummer neu gedreht. Über die Redlichkeit der Motive hinter dieser Rochade lässt sich streiten, aber es lohnt sich nicht: Plummers Performance ist mit einigem Abstand das Beste an „Alles Geld der Welt“.

 

Kein Lösegeld, aber Millionen für Kunst

Man darf sich ausmalen, wie Spacey die Rolle gefüllt hätte: verborgen hinter Alters-Make-up, ein Tyrann mit der kühl kalkulierenden Aura Frank Underwoods. Plummer hingegen braucht keine Schminke. Einst gab er den netten Papa Trapp in „The Sound of Music“. Hier wirkt er auf den ersten Blick nicht weniger sympathisch, ein freundlicher alter Mann mit Sanftmut in der Stimme. Doch wenn man dieser zuhört, wird einem ganz schnell kalt ums Herz.

Die Oscar-Nominierung für den 88-Jährigen ist verdient. Retten kann er das Material trotzdem nicht. Der Film fährt zwei Handlungslinien: Eine dient fast ausschließlich der Darlegung von Gettys grotesker Geringschätzung alles Menschlichen im Vergleich zu seinem geliebten Kapital. Wir beobachten ihn in den muffigen Hallen seines Tudor-Palastes beim Lesen der Börsenkurse, jede Einstellung vampirisch ausgebleicht. Das Lösegeld macht er nicht locker, aber für alte Gemälde stehen Unsummen bereit. An einer Stelle heißt es, er habe Dinge lieber als Menschen – die seien nämlich zuverlässig. Das ginge wohl selbst Ebenezer Scrooge zu weit.

Erzählstrang Nummer zwei ist auf Entführungsthriller getrimmt und arbeitet mit wohlfeilen Schockmethoden. Gettys Enkel (angemessen zerbrechlich und nicht mit Christopher verwandt: Charlie Plummer) landet in den Händen der 'Ndrangheta. Als ihm ein Ohr abgeschnitten wird, um es der Presse zuzuspielen, hält die Kamera voll drauf. Als eine Leiche gefunden wird, darf der Zuschauer an der Seite der armen Mutter (Michelle Williams) bangen – ist es wirklich der Sohn? Das Leid wird weidlich ausgekostet, damit man den alten Gierschlund umso mehr verachtet. Als Entschädigung gibt es eine altbackene Moral: Geld allein macht nicht glücklich – wer hätt's gedacht?

Mark Wahlberg spielt einen Ex-Agenten, der vom Getty-Handlanger zum Unterstützer der Opfer mutiert. Eigentlich ist er nur im Film, damit man der Einsamkeit des bösen Materialisten die Andeutung einer glücklichen Kernfamilie entgegensetzen kann. Noch schlechter als Getty kommt Italien weg: Das Land wirkt durch und durch korrupt, bevölkert von Mafiosi und Paparazzi. Für Hippies, Kommunisten und die arme Landbevölkerung hat Scott auch nichts übrig. Dafür ist die Ausstattung, wie so oft in seinen Filmen, ansehnlich, zeit- und detailgetreu. Man könnte beinahe auf den Gedanken kommen, Dinge interessieren ihn mehr als Menschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2018)

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