Berlinale: Sex-Doku-Drama aus Rumänien gewinnt in Berlin

Das rumänische Langfilmdebüt „Touch me not“ erregte mit Sexszenen Berlinale-Gemüter – und gewann den Hauptpreis des Festivals. Ein begrüßenswertes Zeichen für unorthodoxes Kino. Auch Ruth Beckermann wurde mit einem Preis bedacht – und übte auf der Bühne Kritik an Kurz-Strache.

Adina Pintilie gewinnt überraschend den Goldenen Bären.
Adina Pintilie gewinnt überraschend den Goldenen Bären.
Adina Pintilie gewinnt überraschend den Goldenen Bären. – APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ

"Wir würden uns freuen, wenn der Dialog, den unser Film eröffnet, die ganze Welt erreicht“, sagte die gerührte Regisseurin Adina Pintilie im Beisein von Team und (Laien-)Darstellerschaft nach der Verleihung des Goldenen Bären an ihr ungewöhnliches Langfilmdebüt „Touch me not“. Zuvor hatten manche diesen Dialog verweigert: Bei der Pressevorführung verließen einige Medienvertreter den Saal, irritiert von der unverblümt offenen Darstellung unorthodoxer Sexulapraktiken auf der Leinwand.

Vielleicht war dies Mitgrund für die Auszeichnung des Films, ein Zeichen für Inklusion, Toleranz und Diversität, die die Berlinale stets als ihre Grundwerte hochhält. So oder so wirft der verdiente Sieg des Films, ein eigentümliches Hybrid aus Dokumentation und Drama, nicht nur ein Licht darauf, „was das Kino kann, sondern wo es vielleicht noch hingehen könnte“, wie der Juryvorsitzende Tom Tykwer vor der Preisverleihung versprach.

Pintilie arbeitete sieben Jahre an „Touch me not“ und folgte dafür unterschiedlichen Protagonisten und Protagonistinnen, die meist Schwierigkeiten damit haben, Nähe und Intimität zuzulassen. In überwiegend sanften, klinisch-weißen Einstellungen blickt der Film auf ihre Versuche, in diversen therapeutischen Szenarien Hemmungen zu überwinden, sei es nun über Gespräche oder Experimente mit S&M und Voyeurismus. Der Blick der Filmemacherin, die wiederholt in einem Bild-im-Bild selbst auf der Leinwand erscheint und eigene Gefühle thematisiert, ist von überwältigender Zärtlichkeit – Parallelen zum letztjährigen Berlinale Sieger „Body & Soul“, einer Romanze zwischen zwei emotional isolierten Figuren, sind nicht von der Hand zu weisen, aber „Touch me not“ hat den formal spannenderen Ansatz.

Wuselnder Filmmarkt. Damit kam eine der positiven Überraschungen eines durchwachsenen Wettbewerbs zu Bären-Ehren, ein Blitzlicht auf einem nach wie vor viel zu breiten Festival-Feld. An die 400 Filme laufen hier jedes Jahr in quer über die Spreemetropole verteilten Spielstätten und unterschiedlich profilierten Sparten. Es ist völlig unmöglich, sich über alle einen Überblick zu verschaffen. Journalisten, Cinephile, Kuratoren, Fans und das von den Leitern beschworene, „ganz normale“ Publikum: Letztlich erlebt jede Gruppe ein anderes Festival. Ganz zu schweigen von den Besuchern des wuselnden Filmmarkts, die in ihrer eigenen Parallelwelt bereits im Bilderpool der Zukunft fischen. Nur in der klirrenden Kälte am Potsdamer Platz sind alle unter graublauem Himmel im Zittern und Zähneklappern vereint.

Das alles kann man – wie Direktor Dieter Kosslick, dessen Vertrag noch bis 2019 läuft – als Triumph der Vielfalt feiern, passend zum Schmelztiegel Berlin. Oder man kann es – wie Kosslicks Kritiker, die ihn heuer noch vehementer an die Kandare nahmen als sonst – als Zeugnis einer Beliebigkeit schelten, die dem Festival jeden Charakter raubt. So oder so muss man zugeben, dass gerade das Diffuse und Verschwommene am Programm der Berlinale ihr zentrales Alleinstellungsmerkmal dargestellt.

Bei A-Festivals wie Cannes und Venedig fährt man weitgehend auf Schiene. Berlin ist eine Wolke, die kein Oben und kein Unten kennt. Es sei denn, man reduziert die Veranstaltung auf ihren Wettbewerb, der sich schon seit längerer Zeit als welt- und gesellschaftspolitischer Problemkatalog versteht. Jeder zweite Beitrag ist ein Hinweisschild: Dies ist ein Missstand, nehmen sie ihn zur Kenntnis! Daneben gibt es traditionsgemäß eine paar deutsche Filme, ein paar Star-Filme, und eine Handvoll qualitativer Ausreißer mit ästhetischem Anspruch. So war es auch heuer.

Eine Sorgenfalte galt dabei dem Rechtsruck in Europa und anderswo. Mehrere Arbeiten widmeten sich reaktionär-autoritären Systemen und ihren Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmechanismen. Schon der vergnügliche Eröffnungsfilm, das Hunde-Animationsabenteuer „Isle of Dogs“, war in einer für den Guckkastenbastler Wes Anderson ungewohnten Weise direkt in seiner Anklage von Populismus und Hetze – und heimste den Regiepreis ein (abgeholt von Bill Murray, der auf der Bühne proklamierte: „Ich bin ein Berliner Hund“). „Twarz“ von Małgorzata Szumowska (eine von vier Regisseurinnen im Wettbewerb), verpackte Kritik an den politischen Entwicklungen in Polen in eine simple, berührende Provinz-Parabel über einen Mann, der sich nach einem Arbeitsunfall einer Gesichtstransplantation unterziehen muss – und daraufhin auf der Außenseite der eingeschworenen Dorfgemeinschaft wiederfindet. Der Film erhielt den großen Preis der Jury.

Berlinale

Seit 1951. Zum 68. Mal fanden heuer die Internationalen Filmfestspiele Berlin statt, das größte Publikumsfestival der Welt. Erstmals wurden sie mit einem Animationsfilm – Wes Andersons „Isle of Dogs“ – eröffnet.

19 Filme sind heuer im Rennen um den Goldenen Bären. Fünf weitere Filme, darunter etwa Steven Soderberghs „Unsane“, liefen außer Konkurrenz. Im Vorjahr gewann der ungarische Beitrag „Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi, der österreichische Schauspieler Georg Friedrich bekam den Schauspielpreis.

Der Goldene Ehrenbär ging an den Schauspieler Willem Dafoe, dessen Schaffen auch mit einer Hommage aus zehn Filmen gewürdigt wurde.

Den Juryvorsitz übernahm heuer der deutsche Regisseur Tom Tykwer, der selbst schon mit sechs Filmen auf der Berlinale vertreten war.

Ungefähr 400 Filmewerden in den vielen Sektionen des Festivals jedes Jahr gezeigt. Branchenleute aus der ganzen Welt zieht vor allem auch der European Film Market an, auf dem im Rahmen der Berlinale mit Filmrechten gehandelt wird.

Der Russe Alexey German Jr. ließ in „Dovlatov“ (ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären für Kostüm und Produktionsdesgin) die bleierne Post-Tauwetter-Zeit der Sowjetunion wieder auferstehen. Der Vergleich mit dem Russland der Gegenwart bietet sich an, ohne sich aufzudrängen. Auch der philippinische Nationalchronist Lav Diaz setzte in seinem vierstündigen A-cappella-Musical „Ang Panahon ng Halimaw“ Opfern einer Diktatur ein Denkmal.

Und auch die Österreicherin Ruth Beckermann, die für ihr Film-Essay „Waldheims Walzer“ (der außerhalb des Wettbewerbs lief) den Glashütte Original Documentary Award erhielt, reiht sich hier ein. „Als Dokumentarfilmerin steht man ja selten in so einem Rampenlicht“, meinte sie sichtlich erfreut, dankte ihren Unterstützern und ihrem Team, nutzte die Podiumszeit aber auch für ein politisches Statement. Ihr Film zeige, „wie man mit Populismus, Antisemitismus und Rassismus Wahlen gewinnen kann“. Sie freue sich über Preise, aber ein Wermutstropfen sei dabei: Dass etwas, „das vor dreißig Jahren passiert ist, heute so aktuell ist – nicht nur in Österreich, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen westlichen Welt“. Wenn man an „Orban, Trump und unsere Herren Kurz und Strache denkt“, würde man sehen, dass Populismus immer wieder zieht.

Starke Frauenrollen. Ansonsten waren es vor allem Frauen, die schauspielerisch brillierten – unabhängig von der Qualität ihrer Filme. Marie Bäumer überzeugte als alternder Sissi-Star in der Romy-Schneider-Verbeugung „3 Tage in Quiberon“, Alba Rohrwacher im (Ersatz-)Mutter-Drama „Figlia mia“. Und das gemessene, subtil sozialkritische Beziehungsporträt „Las herederas“ wartete mit einer fast rein weiblichen Besetzung auf. Ana Brun, eine der beiden Hauptdarstellerinnen, erhielt einen Silbernen Bären, der Film den Alfred Bauer Preis für neue Kinoperspektiven. Einen Trumpf hielt der Wettbewerb noch bereit. Cédric Kahns „La prière“ mutet zunächst an wie ein sensibler Propagandafilm über die rettende Kraft der Religion: Junkie Tomas (verdient mit dem männlichen Darstellerpreis bedacht: Anthony Bajon) findet mit Hilfe einer katholischen Jugendgemeinschaft zu sich und zu Gott. Doch am Ende rückt eine unerwartete Wendung das Geschehen in profaneres Licht, ohne die Arbeit der Gruppe zu diskreditieren.

Die Sieger

Goldener Bär:
„Touch me Not“ von Adina Pintilie

Silberner Bär, Großer Preis der Jury: „Twarz“ („Gesicht“) von Małgorzata Szumowska

Silberner Bär, Alfred-Bauer-Preis:
„Las herederas“ („Die Erbinnen“) von Marcelo Martinessi

Silberner Bär für die beste Regie:
Wes Anderson für „Isle of Dogs“
Silberner Bär für die beste Darstellerin: Ana Brun in „Las herederas“

Silberner Bär für den besten Darsteller: Anthony Bajon in „La Prière“ („Das Gebet“)

Silberner Bär für das beste Drehbuch:

Manuel Alcalá und Alonso Ruizpalacios für „Museo“

Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung:

Elena Okopnaya für Kostüm und Design in „Dovlatov“ von Alexey German Jr.

Glashütte Original Dokumentarfilmpreis: „Waldheims Walzer“ von Ruth Beckermann

Goldener Bär für den besten Kurzfilm:
„The Men Behind the Wall“ von Ines Moldavsky

Bester Erstlingsfilm der GWFF:
„Touch Me Not“ von Adina Pintilie
Fipresci-Preis des Internationalen Verbandes der

Filmkritik:
„Las herederas“ (Marcelo Martinessi), „Rivers Edge“ (Isao Yukisada) und „An Elephant Sitting Still“ von Hu Bo.

Label Europa Cinemas und Heiner-Carow-Preis:
„Styx“ von Wolfgang Fischer

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2018)

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