Franz Murer: Der Mörder, der den guten Ton traf

Am „Anschluss“-Gedenktag eröffnet die Diagonale in Graz mit „Murer – Anatomie eines Prozesses“ – ein Film, der den örtlichen Freispruch des „Schlächters von Wilna“ von 1963 neu aufrollt. Ein Statement gegen das Vergessen.

Murer – Anatomie eines Prozesses
Murer – Anatomie eines Prozesses
Regungslos auf der Anklagebank: Franz Murer (verkörpert von Karl Fischer, Mitte) lässt sich nichts anmerken, bleibt mehr Fassade als Mensch. – Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

Der Anzug, den Franz Murer zur Gerichtsverhandlung tragen will, gefällt seinem Verteidiger nicht. „Zu feierlich, zu städtisch. Und vor allem: Keine Abzeichen.“ Stattdessen soll der Angeklagte einen alten grauen Janker anziehen: „Eine abgewetzte Tracht, das ist Arbeit, das ist Heimat. Sie dürfen nur eines nicht: aus der Rolle fallen.“ Gemeint ist die Rolle eines unbescholtenen Kriegsheimkehrers, stolzen Familienvaters und ehrenwerten Bürgers – das personifizierte, idealisierte Selbstbild Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg. Nichts soll Grund zur Annahme geben, dass der Mann im Janker je etwas anderes gewesen ist als anständig.

Anständig sein, das hieß zur Zeit des Nationalsozialismus auch, Juden in den Tod zu schicken. Und Franz Murer war damals ganz besonders anständig. Als SS-Mann und Vertreter des deutschen Gebietskommissariats in Litauen war er von 1941 bis 1943 einer der Hauptverantwortlichen für den Terror im Ghetto von Vilnius. Der Ruf eines gnadenlosen Sadisten eilte ihm voraus, man nannte ihn den „Schlächter von Wilna“. Doch in seiner steirischen Heimat wollte man davon nichts wissen. 1947 stieß Simon Wiesenthal auf seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig auf Murer, der mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebte.

Idee nach Museumsbesuch in Vilnius

Es kam zur Verurteilung vor einem sowjetischen Militärgericht und der Internierung in einem sibirischen Straflager – bis zur Unterzeichnung des Staatsvertrages. Murer durfte wie andere Kriegsgefangene heimkehren. Zuhause brachte er es zum Großbauer und Honoratioren. Nachdem sein Name im Eichmann-Prozess fiel, kam er 1963 in Graz ein zweites Mal vor Gericht – doch diesmal endete das Verfahren, trotz erdrückender Beweislast, mit einem skandalösen Freispruch.

Die Idee, sich mit dem Fall zu beschäftigen, kam dem Regisseur Christian Frosch bei einem Besuch des jüdischen Museums von Vilnius, wo er über Murers Namen stolperte – und irritiert war, nie von ihm gehört zu haben. Froschs Gerichtsdrama „Murer – Anatomie eines Prozesses“, das heute die Diagonale eröffnet und am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, soll ihn auch anderen ins Gedächtnis rufen. Dabei konzentriert es sich auf die 10-tägige Verhandlung in Graz. Es geht weniger um Murers Taten als um das geistig-moralische Klima, das ihrer Verdrängung zuträglich war.

Der Hauptteil des penibel recherchierten Films schildert nüchtern, fast schon protokollarisch – aber dennoch hochemotional – den Prozessablauf. Shoah-Überlebende im Zeugenstand können ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden vom Verteidiger (Alexander E. Fennon) abgekanzelt, weil sie sich nicht an die genaue Farbe von Murers Uniform erinnern können. Dieser sitzt (von Karl Fischer mit angespannter Zurückhaltung verkörpert) regungslos auf der Anklagebank, spricht nur in Floskeln, bleibt mehr Fassade als Mensch. Dennoch meint man, die Taktik seines Anwalts sei nicht nötig: Die Stimmung im Saal und außerhalb scheint eine Verurteilung fast schon von Vornherein auszuschließen.

Kaum verhohlener Antisemitismus

Denn parallel zeichnet Frosch mit kalter Wut und in muffigen Beigetönen ein beklemmendes Sozialpanorama der österreichischen Sechziger: Provinzmief und Kleinbürgerdünkel, Vaterunser und „Lügenpresse“-Paranoia, Schweinsbraten mit Knödel und die Weigerung, der Schuld der „Unsrigen“ ins Gesicht zu Sehen – während die „Ihrigen“, also Juden wie Simon Wiesenthal (Karl Markovics) und Murers Opfer, mit kaum verhohlenem Antisemitismus als ausländische Aggressoren verunglimpft werden, als wäre es ein Testlauf für die Waldheim-Affäre. „Man darf Leute umbringen, das ist kein Problem – Hauptsache, der Ton stimmt“, beschwert sich ein Geschworener. Die Politik kommt nicht besser weg, weder der damalige Bauernbund-Präsident Josef Wallner noch SPÖ-Justizminister Christian Broda: Der Film impliziert, er habe den Staatsanwalt im Zaum gehalten, um keine rechten Wählerstimmen zu vergraulen.

Diese Direktheit ist ungewohnt in der heimischen Filmlandschaft. Mit der Positionierung von „Murer“ als Diagonale-Einstieg – in Graz und an einem „Anschluss“-Gedenktag – setzten die Festival-Intendanten Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger ein klares Statement gegen das Vergessen.

Diagonale

Graz. Das Festival des österreichischen Films wird heute mit „Murer – Anatomie eines Prozesses“ eröffnet (Kinostart am Freitag). Dabei wird auch Ingrid Burkhard der Große Diagonale-Schauspielpreis verliehen. Bis 18. März wird ein Querschnitt des heimischen Filmschaffens gezeigt, rund hundert Filme konkurrieren im Wettbewerb. Shirin Neshat präsentiert ihren Film „Looking for Oum Kulthum“, auch etwa Ruth Beckermanns „Waldheims Walzer“ oder „Zauberer“ (nach einem Drehbuch von u. a. Clemens Setz) feiern hier ihre Österreich-Premiere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2018)

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