"Jud Süß"-Film: Experte ortet Geschichtsfälschung

"Jud Süß - Film ohne Gewissen" soll die Geschichte von Veit Harlans berüchtigtem NS-Propagandafilm aufarbeiten. Der Wissenschaftler Friedrich Knilli kritisiert Legendenbildung. Der Film fälsche zwei wichtige Dinge.

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(c) APN (Petro Domenigg)

Die Produzenten des Berlinale-Wettbewerbsbeitrags "Jud Süß - Film ohne Gewissen" sind mit dem Vorwurf der Geschichtsfälschung konfrontiert. Der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli warf Regisseur Oskar Roehler in einem DAPD-Interview Legendenbildung vor. "Jud Süß - Film ohne Gewissen" mit Moritz Bleibtreu, Tobias Moretti, Martina Gedeck und Justus von Dohnanyi startet am morgigen Donnerstag als Weltpremiere im Berlinale-Wettbewerb. Er handelt von der Entstehung des NS-Propagandafilms "Jud Süß" von 1940.

Regisseur Veit Harlan drehte "Jud Süß" im Auftrag der Nazis. Im Mittelpunkt steht die historische Figur des Joseph Süß Oppenheimer, ein jüdischer Finanzbeamter, der 1738 hingerichtet wurde. Der Film mit dem Schauspieler Ferdinand Marian in der Hauptrolle gilt als Synonym für NS-Propaganda. "Der erste wirklich antisemitische Film", schrieb der NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch, nachdem er Drehbuchentwürfe gelesen hatte.

"Ohne Grund zwei wichtige Dinge fälscht"

Knilli, der den Stoff seit Jahrzehnten erforscht hatte kritisiert: "Die Neuverfilmung trägt zur Legendenbildung bei, weil Roehler ohne Grund zwei wichtige Dinge fälscht." Zum einen sei der "Jud Süß"-Hauptdarsteller Ferdinand Marian, gespielt von Tobias Moretti, anders als im Film nicht mit einer Jüdin verheiratet gewesen, sondern mit einer Katholikin. Zum anderen stimme es auch nicht, dass Marian einen Juden gerettet hätte.

Roehler habe diese Dinge vermutlich geändert, um seine Chancen auf eine Oscar-Nominierung zu erhöhen, spekuliert Knilli. Der Regisseur habe in einem "Spiegel"-Interview im vergangenen Jahr Kate Winslet zitiert, die gesagt habe, wenn man für den Oscar auf Nummer sicher gehen wolle, müsse man einen Film über das Dritte Reich und Juden machen. "Das könnte sein Aufhänger sein."

Marian im Film "unnötig heroisiert"

Roehlers Film unterwerfe sich den "Betroffenheitsklischees" zum Holocaust, sagte Knilli. "Da wird so getan, als ob sich jemand wieder zum Helden macht, um einen Juden zu retten." Das sei aber bei Marian, der vielmehr depressiv und relativ unpolitisch gewesen sei, nicht so gewesen. "Er wird in dem Film unnötig heroisiert."

Knilli hat den Film nach eigener Aussage bereits auf DVD gesehen. Dem widersprechen die Produzenten Markus Zimmer und Franz Novotny: Sie sagen, den Film habe noch kein Außenstehender gesehen - außer einem Kreis von engen Mitarbeitern der Filmproduktion, der Berlinale und des Vertriebs habe. Knilli zähle nicht zu dem Kreis.

Spielfilm, keine Dokumentation

Der Film "basiert auf historischen Fakten und Personen, ist aber keine Dokumentation, sondern ein Kinospielfilm und nimmt sich daher die Freiheit der künstlerischen Bearbeitung, worauf ausdrücklich im Abspann des Filmes hingewiesen wird", erklärten die Produzenten.

Zimmer und Novotny erklärten, Knilli habe "eine sehr eigene Sichtweise auf die Person des Schauspielers Ferdinand Marian und auf die Entstehung des Filmes", die man sich nicht zu eigen gemacht habe. So wolle Knilli etwa nicht erkennen, weshalb der Originalfilm "Jud Süß" in Deutschland indiziert sei.

"Jud Süß" nicht indiziert

Dass "Jud Süß" indiziert sei (wie die Produzenten glauben) ist allerdings nicht korrekt: Nach dem Krieg wurde der Film von den Alliierten zwar verboten, dieses Verbot gilt heute aber nicht mehr. In Deutschland zählt er inzwischen zu sogenannten "Vorbehaltsfilmen". "Jud Süß" darf nur mit Zustimmung der Rechteinhaberin, der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung öffentlich aufgeführt werden. Diese verlangt bestimmte Auflagen für die Vorführung.

Knilli sagte in dem Interview, viele Juden hätten ihm gesagt, der Film müsse nicht verboten werden. "Es gibt Leute, die meinen, der Film würde verführen - was völliger Quatsch ist. Ich meine, man kann ihn ohne weiteres zeigen", so der Wissenschaftlicher. "Jud Süß" sei ein Melodram und wie ein guter Hollywoodfilm "nach zwei Richtungen gestrickt" - "und so wurde er auch rezipiert".

"Ich war Jud Süß"

Knilli, der 1930 in der Steiermark geboren wurde und als emeritierter Professor an der Technischen Universität Berlin Vorlesungen hält, veröffentlichte bereits vor zehn Jahren das Buch "Ich war Jud Süß. Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian". Demnächst soll eine zweite Auflage erscheinen.

Jud Süß - Film ohne Gewissen

In "Jud Süß - Film ohne Gewissen" erzählt der deutsche Regisseur Oskar Roehler die Entstehungsgeschichte des berüchtigten Nazi-Propagandafilms "Jud Süß".

Tobias Moretti ist in der Hauptrolle des "Jud Süß"-Hauptdarstellers Ferdinand Marian zu sehen. Moritz Bleibtreu spielt den NS-Propagandaminister Joseph Goebbels.

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(Ag./Red.)

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