Unglückliche Liebe in drei Universen

Dreimal Antonio und Debora, immer eine verpasste Chance: „Antonio 1, 2, 3“ ist ein kühnes Regiedebüt.

Von Paradoxien in der Zeitwahrnehmung handelt ein mittlerweile reichhaltiges Subgenre des Erzählkinos. In den Sechzigern nahm es mit „Vertigo“ von Hitchcock, „Letztes Jahr in Marienbad“ von Resnais und „Am Rande des Rollfelds“ von Marker seinen Anfang, setzte sich später in der Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und der philosophischen Romanze „Vergiss mein nicht“ fort.

Diese Verschachtelungsfilme haben gemein, dass in ihnen der Zusammenbruch einer chronologischen Zeitwahrnehmung aus einer zum Scheitern verurteilten Liebschaft hervorgeht. Genauso in „Antonio 1, 2, 3“: Der schelmische Titelheld findet Gefallen an der mysteriösen Debora. Die Anziehung erweist sich als gegenseitig. Aber in ein paar Stunden wird ihr Flieger nach Moskau gehen. Man muss sich beeilen. Jeden profanen Splitter aus der Situation aufklauben, um von der Begegnung wenigstens ein paar Erinnerungen mitnehmen zu können.

 

Haben sie einander schon vergessen?

Selbst Holzfliesen sind der Kamera deshalb eine längere Einstellung wert. „Was ist wichtig, wenn nicht alles?“, scheint sich der auktoriale Erzähler zu fragen und wagt aus zunehmender Verwirrung einen Neustart. Aus dem kecken Taugenichts macht er einen unterbezahlten Bühnenbeleuchter. Als dieser erneut auf Debora trifft, entsteht der Eindruck, sie hätten einander nie kennengelernt. Sind die Figuren älter geworden und haben ihr Schäferstündchen nur vergessen? Man erkennt die Fußwege, die Stadt, die Gesichter aus der Clique wieder, der auch noch Antonio 3 angehören wird. Aber die Unsicherheit, ob man das als neu Wahrgenommene nicht vorher bloß übersehen hat, lässt sich nicht mehr abschütteln.

In der Vorlage von Dostojewski geht es um eine Affäre zwischen einem einsamen Träumer und einem Mädchen, das auf die unabsehbare Rückkehr ihres Geliebten wartet. Träumen, Warten, Vergessen. Diese Begriffe sind auch im kühnen Regiedebüt des 27-jährigen Portugiesen Leonardo Mouramateus von Belang. Das Träumen geschieht meist bei geöffneten Augen, schlaftrunken. Das Warten bemisst die Distanz zwischen Wunschvorstellung und Wirklichkeit. Das Vergessen gewährt die utopische Möglichkeit, den anderen immer wieder von Neuem kennenlernen zu dürfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2018)

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