„On The Beach At Night Alone“: Schwafelnd in Richtung Wahrheit

Kritik Der Südkoreaner Hong Sang-soo dreht immer anders den gleichen Film. Nun lässt er seine Figuren wieder grandios aneinander vorbeireden.

Eine Affäre von Hong Sang-soo mit Schauspielerin Kim Min-hee (Bild) löste in Südkorea einen Skandal aus. Der Film greift diese Geschichte auf.
Eine Affäre von Hong Sang-soo mit Schauspielerin Kim Min-hee (Bild) löste in Südkorea einen Skandal aus. Der Film greift diese Geschichte auf.
Eine Affäre von Hong Sang-soo mit Schauspielerin Kim Min-hee (Bild) löste in Südkorea einen Skandal aus. Der Film greift diese Geschichte auf. – (c) Filmgarten

"Ehrlichkeit ist wichtig", sagt Young-hee (Kim Min-hee), als sie auf der Parkbank sitzt. Zu wem, ist nicht ganz klar. Vielleicht zur Freundin, die neben ihr Platz genommen hat, vielleicht aber auch nur zu sich, um ein Selbstbild als aufrichtige, authentische Person zu verfestigen.

Doch was wirklich ehrlich ist, lässt sich nur schwer fassen. Schon gar nicht in Worte – kaum ist eine vermeintliche Wahrheit ausgesprochen, verliert sie schon an Triftigkeit. Sprechen schiebt bloß die große innere Unsicherheit beiseite, beseitigt sie nie. Zumindest in den Filmen von Hong Sang-soo.

Der 57-jährige Südkoreaner ist weltweit eine Ausnahmeerscheinung im zeitgenössischen Kinobetrieb. Vor Jahren, als er noch zu den Geheimtipps globaler Cinephilie zählte, nannte man ihn hie und da den südkoreanischen Woody Allen. Der Vergleich gründet wohl darauf, dass Hongs Filme einander ähneln, eine gewisse Lockerheit ausstrahlen und von romantischen Verstrickungen handeln, die in langen Dialogsequenzen ausklamüsert werden. Doch wo Allen sich wiederholt, erfindet sich Hong, ein Meister filigraner Variation, immer wieder neu.

An einer Stelle von „On The Beach At Night Alone“ (was für ein Titel!), der vergangenes Jahr bei der Berlinale Premiere hatte und nun dank dem Filmgarten-Verleih auch in Österreich startet, erklärt ein Komponist von Kinderliedern: „Meine Stücke sind sehr einfach, aber wenn man tiefer geht, werden sie komplexer.“ Es ist, als spräche Hong hier über sein eigenes Oeuvre. Seine Arbeiten sind trügerisch schlicht: kleine Geschichten über Männer und Frauen, die sich zufällig begegnen und wieder aus den Augen verlieren. Deren Versuche, zum Wesenskern des Gegenübers vorzudringen, scheitern meist auf tragikomische Weise an den Unzulänglichkeiten sprachlichen Ausdrucks – oder an der Eitel- und Engstirnigkeit der Männer.

Schon zwei Filme mit Isabelle Huppert

Die Ästhetik dieser Dramolette ist unscheinbar wie ihr Inhalt: klare, schnörkellose Einstellungen, spärlicher Musikeinsatz, sonderbar schludrige Zooms. Dafür gibt es immer wieder unmerkliche Wendungen ins Absurde, Surreale, formal Verspielte. Hongs Locarno-Gewinner „Right Now, Wrong Then“ erzählt dieselbe Story zwei Mal hintereinander, mit minimalen Adjustierungen. Im Kern geht es dabei stets um die (vergebliche) Suche nach Authentizität, am liebsten filmt Hong seine Figuren dabei, wie sie um den heißen Brei herumreden. Das alles hat ihm auch im Westen Kultstatus eingebracht; schon zweimal drehte er mit Isabelle Huppert.

Der neunzehnte Streich des Vielfilmers hält sich mit narrativen Experimenten zurück. Dafür ist es eines seiner persönlichsten Werke. Der verheiratete Hong hatte bei Dreharbeiten eine Affäre mit Star-Hauptdarstellerin Kim Min-hee: in Südkorea ein Skandal. Hier spielt Kim nun Schauspielerin Young-hee, die von Seoul nach Hamburg reist, um einem solchen Skandal zu entfliehen. Der Regisseur versprach, nachzukommen, lässt aber auf sich warten. Also flaniert Young-hee durch die kühl-melancholische Hansestadt, sinniert über ihre Sehnsucht. Sie will unabhängig sein, aber irgendwie auch nicht – und fliegt dann zurück nach Korea.

Dort warten alte Bekannte. Sie geben sich freundlich, sind aber hintenrum ein wenig gehässig, weil neidisch, unzufrieden. Nur beim abendlichen Soju-Reisschnaps-Umtrunk, dem Sozialventil der hierarchisierten Leistungsgesellschaft Südkoreas, lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf – die aber erst recht wieder in der alkoholschwangeren Atmosphäre diffundieren. Kaum jemand inszeniert trinkseliges Geschwafel unter Freunden so genau wie Hong. Und völlig zu Recht erhielt Kim in Berlin den Darstellerinnenpreis.

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