Wie kalkuliert darf ein Horrorfilm denn sein?

Kritik Ari Asters „Hereditary – Das Vermächtnis“ ist kunstvoll inszeniert – wirkt aber teilweise zu glatt und zu kühl.

Die Künstlerin Annie (Toni Colette) fertigt kleine Modellbauten an. Aber was spielt sich in ihnen ab?
Die Künstlerin Annie (Toni Colette) fertigt kleine Modellbauten an. Aber was spielt sich in ihnen ab?
Die Künstlerin Annie (Toni Colette) fertigt kleine Modellbauten an. Aber was spielt sich in ihnen ab? – (c) Einhorn Film

Blick durch ein Fenster auf ein Baumhaus. Dann schwenkt die Kamera auf ein weiteres Häuschen, diesmal ist es ein winziger Modellbau, fährt langsam auf einen der kleinen Räume zu – und dann ereignet sich etwas Sonderbares. Ein scheinbar auf Insektengröße geschrumpfter Mann betritt das Zimmerchen und weckt einen im Bett liegenden Buben. Diese einleitende Sequenz aus „Hereditary – Das Vermächtnis“ verrät bereits, dass man es nicht mit einem Konfektions-, sondern einem künstlerisch ambitionierten Horrorfilm über paradoxe Räume, Täuschungseffekte und eine typisch amerikanische Kleinfamilie zu tun hat.

Annie (Toni Colette), die Mutter, ist Künstlerin. Aus Klebstoff, Farbe und Holz fertigt sie kleine Modellbauten an. Steve (Gabriel Byrne), der Vater, geht einem Bürojob nach und ist ein netter Kerl, Peter (Alex Wolf), der Sohn, ist im Highschool-Alter und ein schüchterner, schwermütiger Kiffer. Und Charlie (Milly Shapiro), die Tochter, ist ein junger Teenager, der mit einer Gesichtsfehlbildung auf die Welt gekommen ist.

Zu Beginn des Films fahren sie zur Beerdigung der Großmutter. Unter den Gästen befinden sich komisch dreinblickende Leute, die niemand kennt. Kurz darauf beginnt es zu spuken – die Verstorbene macht auf sich aufmerksam –, wovon zuerst nur die Enkelin etwas mitbekommt. Bis sich die übernatürlichen Geschehnisse ausdehnen und es zu einem weiteren, noch tragischeren Tod kommt, durch den Annie entweder den Verstand verliert oder endlich zu dem Geheimnis vordringt, das ihre geplagte Familie über Generationen hinweg gehütet hat – so genau weiß man das bis zuletzt nicht.

Viele Kritiker bezeichnen das Langfilmdebüt des 31-jährigen Regisseurs Ari Aster als einen Quantensprung des Horrorgenres. Als weiteren Triumph einer inzwischen seit knapp vier Jahren andauernden Renaissance anspruchsvoller und unabhängig produzierter US-Schauer-Unterhaltung – in einer Reihe stehend mit dem Suspense-Bravourstück „It Follows“, dem Folk-Tale-Gemälde „The Witch“ und dem satirischen Mystery-Thriller „Get Out“. Besonders hervorgehoben wurden das expressive Spiel mit Licht und Schatten, die überlegten Farbcodierungen, die ausgefuchsten Bildmontagen und die ins Atonale gehende Filmmusik des Avantgarde-Saxofonisten Colin Stetson (bekannt als Mitglied der kanadischen Indie-Rock-Band Arcade Fire).

 

Referenzen auf „Exorzist“, „Poltergeist“

Und keine Frage: „Hereditary“ ist ein kunstvoll inszenierter und mit zahllosen Referenzen auf die altehrwürdigen Gruselklassiker („Rosemary's Baby“, „Der Exorzist“, „Shining“ oder „Poltergeist“) gespickter Grenzgänger zwischen Arthouse- und Genrekino. Aber man kann ihn wegen seiner formalen Strenge und seiner erzählerischen Überkonstruiertheit auch als zu kühl, zu kalkuliert empfinden – oder als schlicht zu geschleckt für einen mitreißenden Horrorstreifen. Immer wieder legt Aster einen neuen und noch höheren Gang ein – bis die Geschichte ins Schleudern gerät und vieles nur mehr gaga statt gruselig wirkt, das in der ersten, viel subtileren Hälfte des Films so exzellent und vielversprechend vorbereitet wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2018)

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