„Der Dolmetscher“: Road-Movie gegen Verdrängung

KritikIn „Der Dolmetscher“ lernt Peter Simonischek als Lebemann einen Slowaken kennen, der durch die NS-Verbrechen seines Vaters die Eltern verlor – und begibt sich auf die Suche.

Peter Simonischek, äußerlich kaum von seiner Figur aus Maren Ades Arthaus-Hit „Toni Erdmann“ zu unterscheiden, spielt Georg als angegrauten Alt-68er, der zunächst den nötigen Ernst vermissen lässt. Aber das ändert sich.
Peter Simonischek, äußerlich kaum von seiner Figur aus Maren Ades Arthaus-Hit „Toni Erdmann“ zu unterscheiden, spielt Georg als angegrauten Alt-68er, der zunächst den nötigen Ernst vermissen lässt. Aber das ändert sich.
Peter Simonischek, äußerlich kaum von seiner Figur aus Maren Ades Arthaus-Hit „Toni Erdmann“ zu unterscheiden, spielt Georg als angegrauten Alt-68er, der zunächst den nötigen Ernst vermissen lässt. Aber das ändert sich. – (c) Barbora Jancárová/Titanic, InFilm

In einer Schlüsselszene von Martin Šulíks Drama „Der Dolmetscher“ blickt der von Peter Simonischek gespielte Alt-68er Georg seiner Familiengeschichte erstmals direkt ins Gesicht: In einem Archiv in der Slowakei findet er ein Porträt seines Vaters in SS-Uniform nebst Leichenbildern seiner jüdischen Opfer. Die Dokumente bergen für ihn keine neuen Erkenntnisse: Er weiß um diese Verbrechen, kennt den Täter, dessen Abbild er entgeistert anstarrt, nur zu gut – seit er dazu in der Lage war, hat er sich von ihm und seinem Weltbild distanziert. Doch Distanzierung ist näher an Verdrängung als an Aufarbeitung. Und hier, fernab der Routine des Alltags, wird Georg mit einem Schlag bewusst, dass der Mann auf dem Foto wirklich sein Vater ist, und diese Vergangenheit auch seine Vergangenheit.

„Der Dolmetscher“, eine tschechisch-slowakisch-österreichische Koproduktion, ist ein Film über unangenehme Wahrheiten. Und über die Notwendigkeit, sich ihnen zu stellen, wenn man sich aus Abhängigkeiten befreien will. Dabei ist Georg keine Scheuklappen-Figur, die so tut, als wäre nie etwas gewesen. Seine Abgeklärtheit ist die eines flüchtigen Gefangenen, der nicht merkt, dass sein Fuß noch immer angekettet ist.

Hedonismus und Selbstverwirklichung halfen ihm bislang ganz gut, das NS-Trauma auf Abstand zu halten. Als eines Tages der 80-jährige Übersetzer Ali Ungár (Jiří Menzel) vor seiner Tür steht und erklärt, dass Georgs Vater seine Eltern auf dem Gewissen hat, zuckt er kaum mit der Wimper und lässt den ungebetenen Gast abblitzen. „Sie sind ein antisemitisches Schwein“, gibt ihm der Abgewiesene zu verstehen. „Und sie ein zionistischer Übermensch“, folgt die Retourkutsche. Klingt nicht gerade nach dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Doch der Wunsch des alten Mannes (der im Grunde nicht viel älter ist als Georg selbst), das Grab der Ermordeten ausfindig zu machen, weckt lange im Zaum gehaltene Neugierde. Also reist der Österreicher Ungár nach – und engagiert ihn als Dolmetscher (daher der Titel) für eine überfällige Spurensuche.

 

Das ungleiche Paar

Deren Stationen werden mit dem Auto abgefahren: Ein Road-Movie als Bildungsreise in Richtung eines größeren historischen Bewusstseins, ergänzt um das Komödien-Motiv des ungleichen Paars. Simonischek, äußerlich kaum von seiner Figur aus Maren Ades Arthaus-Hit „Toni Erdmann“ zu unterscheiden, spielt Georg als angegrauten Lebemann, der mit Anhalterinnen flirtet und abends in der Hoteldisco einen draufmacht – was ihm von seinem Begleiter den Vorwurf einbringt, er wolle wohl nur Urlaub machen.

Jiří Menzel, der nach einem Darsteller-Ausfall für die Rolle des wahrheitssuchenden Slowaken einsprang, ist (zumindest hierzulande) als Regie-Veteran der tschechoslowakischen Neuen Welle bekannter denn als Schauspieler. Schade: Seine sanfte, nur selten von Ausbrüchen berechtigten Ärgers durchzuckte Präsenz verleiht seiner Figur unerschütterliche Würde, und es ist dem Film hoch anzurechnen, dass sein durchgängiger Ernst trotz einer Handvoll Ulk-Momente nie als Bierernst bloßgestellt wird. Denn es geht hier zwar um die zögerliche Annäherung zwischen den Nachkommen der Opfer- und der Tätergeneration, aber nicht um die Herstellung moralischer Äquivalenz. „Wir beide, ihr Vater und ich“, sagt Georg an einer Stelle zu Ungárs Tochter, „wir sind eigentlich gleich dran, wir haben irgendwie beide unsere Eltern verloren“ – und stößt naturgemäß auf Unverständnis.

Die Haltung des Films ist klar; leider auch seine Dramaturgie. Die Überraschungen sind spärlich gesät. Viel zu selten wagt es „Der Dolmetscher“, von seinem absehbaren Erzählpfad abzukommen – oder Konflikte in einer Weise zuzuspitzen, die der wachsenden inneren Verbundenheit der beiden Hauptfiguren gefährlich werden könnte. Das nimmt Georgs Gesinnungswandel, auf den die Handlung von Anfang an zusteuert, letztlich einiges von seiner kathartischen Kraft. Auch ästhetisch unterscheidet sich das Drama kaum von einer kompetent inszenierten Fernsehproduktion.

Dennoch: Im Kontext seiner programmkinogefälligen Prämisse (zwei alte Zausel auf Spritztour) erfreut die relative Seriosität, mit der sich die Filmemacher ihres Themas annehmen. Das zeigt sich auch in den Nebenfiguren, deren Kurzauftritte meist mehr bieten als bloße Typengesichter und wiederholt noch weitere verdrängte Geschichten vermuten lassen, ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen. Am Ende hat „Der Dolmetscher“ sogar noch einen regelrechten Twist im Köcher. Und eine Schlusspointe, die für einen Film dieser Machart fast schon mutig ist in ihrer konsequenten Unversöhnlichkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2018)

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