"Shoah"-Regisseur Claude Lanzmann ist tot

Die kompromisslose Dokumentation des Holocausts war das Zentrum seines Lebenswerks. Claude Lanzmann war auch zeitlebens als Schriftsteller tätig.

Ein Bild aus dem Jahr 2016.
Ein Bild aus dem Jahr 2016.
Ein Bild aus dem Jahr 2016. – APA/AFP/JOEL SAGET

Mit dem neunstündigen Dokumentarepos „Shoah“ schrieb Claude Lanzmann 1985 (Film-)Geschichte: Die strenge Mischung aus Zeitzeugeninterviews und gegenwärtigen Landschaftsbildern (über vieles ist Gras gewachsen...) distanzierte sich auch radikal von den üblichen Methoden der Bebilderung der NS-Zeit. Am Donnerstag ist die französische Regielegende im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben.

Lanzmann war stets eine Kämpfernatur, ein Filmemacher, der als hartnäckig, eisern und kompromisslos galt. Und genau diese Charaktereigenschaften waren es, die das Meisterwerk "Shoah" möglich machten. Zwölf Jahre arbeitete er an einem der radikalsten Filme über die Vernichtung europäischer Juden im Nationalsozialismus. Opfer und Täter kommen darin gleichermaßen zu Wort, ohne dass je die Position des Filmemachers infrage steht.

Die Suche nach der Wahrheit der Leitfaden

Bereits in "Warum Israel", seinem ersten Film aus dem Jahr 1972, zeigte Lanzmann die Notwendigkeit eines jüdischen Staates auf, bevor er in "Sobibor" den Aufstand im gleichnamigen Vernichtungslager der Nazis verarbeitete. Noch 2013 präsentierte er bei den Filmfestspiele von Cannes mit "Der Letzte der Ungerechten" ein Werk, in dem er lange Interviews mit Benjamin Murmelstein, dem letzten Vorsitzenden des Judenrates von Theresienstadt, zu einem Plädoyer für dessen Rehabilitation vereinte. Dem mittlerweile verstorbenen Rabbiner wurde Kollaboration mit den Nazis vorgeworfen. Auch hier war die Suche nach der Wahrheit der Leitfaden für Lanzmanns Schaffen.

Mit "Napalm" rückte er schließlich 2017 in Cannes den Koreakrieg (1950-1953) in den Fokus, bei dem US-Flieger große Mengen Napalm abwarfen. In dem Film, für den er 2004 und 2015 in das diktatorisch geführte Land unter kommunistischer Führung reiste, erinnert er sich an die Krankenschwester Kim Kum-sun, in die er sich während seines mehrwöchigen Aufenthalts im Jahr 1958 unsterblich verliebt hatte.

Frankreich, Deutschland, China, Korea

Geboren wurde Lanzmann am 27. November 1925 im Großraum Paris als Sohn einer Familie jüdischen Ursprungs. Bereits als Jugendlicher engagierte er sich in der kommunistischen Jugendbewegung Frankreichs und zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwester noch als Schüler in der Resistance, der französischen Widerstandsbewegung gegen das kollaborierende Vichy-Regime. Seine Erfahrungen mit Antisemitismus hielten ihn jedoch nicht davon ab, nach dem Ende des Krieges nach Deutschland zu gehen, um dort Philosophie zu studieren. An der Freien Universität Berlin war Lanzmann auch als Lektor tätig.

Als Journalist reiste er unter anderem nach China und Korea und engagierte sich gegen den Algerienkrieg. 1960 gehörte er neben Simone de Beauvoir, Alain Resnais, Francoise Sagan und Simone Signoret zu den ersten Unterzeichnern der als "Manifest der 121" berühmt gewordenen Schrift gegen den Algerienkrieg. Dafür musste er zusammen mit einigen anderen Unterstützern für kurze Zeit ins Gefängnis. Danach verstärkte er seinen journalistischen Einsatz gegen jede Gewalt.

Freundschaft mit Jean-Paul Sartre 

Seine journalistische Arbeit war dabei immer auch philosophisch unterfüttert, war Lanzmann doch mit Jean-Paul Sartre befreundet und führte mit der Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir eine siebenjährige Beziehung. Und auch der Filmessayist betätigte sich als Autor, wobei für ihn primär sein eigenes Leben im Mittelpunkt stand, was sich am Memoirenband "Der patagonische Hase" aus 2009 zeigte.

Zu seinem 90. Geburtstag 2015 erschien "Das Grab des göttlichen Tauchers" auf Deutsch, dessen Titel sich auf die 1968 entdeckten griechischen Grabmalereien in der Ruinenstätte Paestum bei Neapel bezieht, die einen nackten Mann beim Sprung ins Meer zeigen. "Alle wichtigen Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, waren wie Kopfsprünge, Sturzflüge ins Leere", begründet Lanzmann in seinem Vorwort die Wahl des Titels. Im "Taucher" beleuchtete Lanzmann sein Leben als "Schreiber", wie er sich zu dieser Zeit selber nannte. Schließlich hatte Lanzmann lange als Journalist für verschiedene Medien gearbeitet, darunter auch für die von Sartre gegründete Zeitschrift "Les Temps modernes".

Die Ehrungen für Lanzmann waren am Ende zahlreich. Für "Shoah" erhielt er 1987 den Grimme-Preis, 2011 wurde er Großoffizier der Ehrenlegion und 2013 verlieh die Berlinale dem Filmemacher den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk.

 

 

(Ag./Red.)

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