„Mission: Impossible – Fallout“: Mission Unverwundbarkeit, Teil 6

KritikDer Plot zu „Mission: Impossible – Fallout“ ist unnötig verstiegen, im Übrigen kann man Tom Cruise wieder dabei zuschauen, wie er den unverwüstlichen Helden gibt.

Eine atemberaubende Hänge- und Kletterpartie von vielen: Ethan Hunt (Tom Cruise) klebt am Felsen wie ein Gecko.
Eine atemberaubende Hänge- und Kletterpartie von vielen: Ethan Hunt (Tom Cruise) klebt am Felsen wie ein Gecko.
Eine atemberaubende Hänge- und Kletterpartie von vielen: Ethan Hunt (Tom Cruise) klebt am Felsen wie ein Gecko. – (c) Constantin Film

Vergangenes Jahr zeigte ein viral gegangener YouTube-Clip, wie sich Tom Cruise bei den Dreharbeiten zum neuen, inzwischen sechsten „Mission: Impossible“-Abenteuer bei einem waghalsigen Stunt über den Dächern von London verletzte. Er nimmt Anlauf und springt – klatscht jedoch unglücklich gegen die Wand des anvisierten Gebäudes. Die Folge der unfreiwilligen Slapstick-Einlage war ein gebrochener Knöchel. Zum Beweis sieht man Cruise verlegen aus dem Bild humpeln. Wodurch die alte Streitfrage, ob er aus Teflon oder Fleisch und Knochen besteht, endlich geklärt war. Nur die Ankündigung, dass der geplante Starttermin trotz temporären Drehstopps weiter beibehalten würde, ließ einen wieder stutzig werden: Heilen die Wunden des abgehärteten Stunt-Schauspielers vielleicht schneller als die unseren? Oder wurde heimlich auf ein CGI-Double zurückgegriffen? Sehr viel künstlicher würde es wohl kaum aussehen.

Diese Fragen drängen sich beim Anblick eines jeden „Mission: Impossible“-Films auf. Der Hochleistungskarneval, den Tom Cruise jedes Mal veranstaltet, ist das eine. Auf der anderen Seite wird in jedem Teil ein Verwirrspiel mit täuschend echten Gummimasken und beliebig austauschbaren Identitäten vollzogen. Gleich am Anfang von „Fallout“ gibt es eine Sequenz, in der einem Oberschurken per Fake News vorgegaukelt wird, sein teuflischer Plan, mehrere Städte zu zerstören, sei aufgegangen. Eine selbstironische Antwort auf den inzwischen wieder populär gewordenen Glauben an eine baldige Apokalypse. Ob sie das zunehmende Misstrauen in den Wahrheitsgehalt der Medien bestätigt oder als Paranoia bloßstellt, bleibt jedoch in der Schwebe.

„Mission: Impossible“ hat schließlich immer daran gearbeitet, die Grenze zwischen Realität und Wirklichkeit zu verwischen. Weniger durch computergenerierte Spezialeffekte als durch die sonderbare Weigerung der Macher, ihren omnipotenten Helden als physisch verwundbar darzustellen. In einer brutalen Prügelszene aus dem aktuellen Sequel bewirken die härtesten Schläge aufs Gesicht des Superstars nur ein paar kleine Schrammen. Das bereits in allen Vorgängerfilmen etablierte Bild von ihm, wie er sich in Ganzkörpermontur an Hochgeschwindigkeitszügen, Felsklippen und fliegenden Passagierflugzeugen festklammert, wird nun durch das einer Hängepartie an einem Helikopter ergänzt.

 

Evangelikale Terrororganisation

Außerdem wird auffällig mehr gehüpft als in den vorangegangenen Teilen. Und man befindet sich beinahe öfter oben als unten. Bei einem gängigen Spielfilm würde man auf solche Banalitäten kaum achten. In „Mission: Impossible“ geben sie hingegen den Takt vor. Die Handlung dazwischen ist meistens nur Mittel zum Zweck. Diesmal ist es eine evangelikale Terrororganisation, die durch weltweite Anschläge die unabsehbare Wartezeit bis zum Jüngsten Gericht verkürzen will. Den Rest erledigen mal wieder die üblichen Konspirationen, die es aufzudecken gilt. Kriminelle und staatliche Interessengruppen müssen überlistet werden, um den Bösen das gestohlene Plutonium wieder abzuluchsen, das dem eingespielten Agententrio vorher durch die Lappen gegangen ist. Simon Pegg verkörpert erneut den versponnenen Computerexperten. Ving Rhamses abermals den lässigen Tüftler. Nur der Neue in der Truppe (robust: Henry Cavill) wirkt wie ein falscher Fuffziger. Der Plot ist dabei unnötig verstiegen. Wer mit wem unter einer Decke steckt, lässt sich nur sehr schwer entwirren.

Die vorherigen Teile gut zu kennen erweist sich deshalb als hilfreich. Sonst versteht man das wechselnde Auf- und Abtauchen der mysteriösen Begleiterin (Rebecca Ferguson) nicht, die man erst mit einiger Mühe als hartgesottene Kollegin aus dem vorherigen Teil wiedererkennt. Und auch nicht die soapige Nebenhandlung, in der es um Hunts ehemalige Verlobte (Michelle Monaghan) aus dem dritten Teil geht. Der nichtssagende Gesichtsausdruck von Charakterdarsteller Wes Bentley, der in der Rolle des Neuen an ihrer Seite sichtlich unterfordert wirkt, spiegelt die Gleichgültigkeit des Betrachters in Anbetracht der trivialen, zum Glück nur kurz angebundenen Exkurse in die Seele des Superagenten.

Interessanter sind da die augenzwinkernden Seitenhiebe auf die Unzuverlässigkeit digitaler Navigationsinstrumente. Und der klammheimliche Tribut, der stattdessen mehrfarbigen, aus koffergroßen Atombomben hervorlugenden Kabeln oder altmodischen Fernbedienungen mit ablaufender Countdown-Anzeige gezollt wird, die im schwindelerregenden Finale von einer Felssteinkante zur nächsten purzeln.

In charmanten Momenten wie diesen ist „Fallout“ (wenn auch im Gewand eines Big-Budget-Krachers) einfach nur eine unschuldige Schulbubenfantasie über ein paar unverwüstliche Geheimagenten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2018)

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