Romanze im Zeichen des Brexit

Kritik Die britische Romanverfilmung "Deine Juliet" verbindet eine Liebesgeschichte mit bibliophilem Wohlfühlkino und gemeinschaftstiftendem Geschichtsunterricht.

Bestsellerautorin Juliet Ashton (Lily James) verliebt sich in das Ärmelkanalinselchen Guernsey.
Bestsellerautorin Juliet Ashton (Lily James) verliebt sich in das Ärmelkanalinselchen Guernsey.
Bestsellerautorin Juliet Ashton (Lily James) verliebt sich in das Ärmelkanalinselchen Guernsey. – (c) Constantin Film

Es gibt kaum ein Filmgenre, das nicht patriotisch unterfüttert werden kann. Die britische Filmindustrie macht es gerade vor: Im Schatten des nahenden Brexit lässt sie ein Leinwandwerk nach dem anderen vom Stapel, das im Rahmen seiner jeweiligen Gattungskonventionen wärmende Nationalgefühle befeuert. Mal geschieht das vorder-, mal hintergründig, Publikumsbedarf scheint jedenfalls zu bestehen. Fast immer dient dabei die Weltkriegsära als Hintergrund. In Christopher Nolans Actiondrama „Dunkirk“ bildete die Rückführung kontinental gestrandeter Soldaten ans heimische Gestade den emotionalen Ankerpunkt. Joe Wrights „Darkest Hour“ beschäftigte sich parallel mit den Entscheidungen Winston Churchills, die zu besagter Evakuierung führten. Schon etwas früher bot die Satire „Their Finest Hour“ ihrem Titel gemäß (der übrigens aus einer Churchill-Rede stammt) weniger gravitätische Kost, persiflierte gar den „propaganda effort“ der Briten – war aber letztlich auch auf Seelenstärkung aus. Und nun versucht sich „Harry Potter“-Regisseur Mike Newell an der Verschränkung von gemeinschaftstiftendem Geschichtsunterricht mit den flauschigen Gepflogenheiten des zeitgenössischen Programmkinomelodrams.

 

Bestsellerautorin auf Inseltrip

Sein jüngster Film heißt im Original, wie dessen Buchvorlage von Mary Ann Shaffer und Annie Barrow, „The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society“. Ein in seiner putzigen Schrulligkeit perfekter Wohlfühlkinotitel – überraschend, dass er hierzulande vergleichsweise trocken als „Deine Juliet“ anläuft. Guernsey ist ein Eiland im Ärmelkanal, das während des Zweiten Weltkriegs unter deutscher Besatzung stand, und von dort bekommt die Bestsellerautorin Juliet Ashton (Lily James, die in „Darkest Hour“ Churchills Sekretärin spielte) 1946 unerwartet Post. Ashton ist gelangweilt vom Erfolg; die Erkundigungen des Briefschreibers wecken ihre Abenteuerlust. Zum Leidwesen ihres Verlegers entschließt sie sich zu einem Inseltrip.

Was folgt, ist eine Promenadenmischung bewährter Motive. Einerseits wäre da das klassische Romanzendilemma: Juliet, von James mit vielen entzückten Blicken und Seufzern ausgestattet, muss sich zwischen zwei Männern entscheiden. Zu Hause wartet der amerikanische Millionärsverlobte, in Guernsey lockt Mr. Darcy, Entschuldigung, Dawsey (Michiel Huisman), ein wettergegerbter Schweinebauer mit tragischer Vergangenheit. Dann gibt es die heimelige Aura des Bibliophilenfilms, auch schon ein eigenes Genre (siehe „Der Buchladen der Florence Green“), inklusive illustrer Lesegemeinde: Ein Grüppchen rund um Dawsey hat sich während der Besatzungszeit mit gemeinsamer Lektüre warmgehalten.

Die Inszenierung frönt nicht nur, aber vor allem rustikalem Kitsch – auch in Kontrast zum ausgebombten London. Die belesenen Insulaner wissen sogar Juliets Ladenhüterdebüt, eine Biografie von Anne Brontë, zu schätzen! Hier lässt sich's leben und lieben. „Deine Juliet“ will zurück zum Ursprung – und obwohl sie diesen nur in Guernsey findet, scheint doch ganz Großbritannien mitgemeint.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2018)

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