Venedig: Ein Festival fliegt auf den Mond

Die 75. Filmfestspiele eröffneten gestern mit „First Man“, einem ästhetisch eindringlichen Psychodrama im Weltraumanzug. Das Festival wartet heuer mit vielen großen Namen auf – moniert wird jedoch der geringe Frauenanteil.

Ryan Gosling stürzt sich als getriebener – und trauernder – Neil Armstrong ins Astronautenabenteuer: Mit „First Man“ eröffnete Damien Chazelle nach „La La Land“ schon zum zweiten Mal das Filmfestival von Venedig.
Ryan Gosling stürzt sich als getriebener – und trauernder – Neil Armstrong ins Astronautenabenteuer: Mit „First Man“ eröffnete Damien Chazelle nach „La La Land“ schon zum zweiten Mal das Filmfestival von Venedig.
Ryan Gosling stürzt sich als getriebener – und trauernder – Neil Armstrong ins Astronautenabenteuer: Mit „First Man“ eröffnete Damien Chazelle nach „La La Land“ schon zum zweiten Mal das Filmfestival von Venedig. – (c) NBC Universal

Wer nach den Sternen greift, verliert schnell den Boden unter den Füßen. Das stellt Damien Chazelles „First Man“, der Mittwochabend die Triebwerke der 75. Filmfestspiele von Venedig zündete, von Anfang an klar. Schon die erste Szene des Mondlandungsdramas katapultierte die Zuschauer aus ihren Kinositzen ins Cockpit eines Stratosphärenflugs – und in beängstigende Haltlosigkeit. Kein ekstatischer Überschallrausch wie bei „Top Gun“, keine grenzenlose Freiheit über den Wolken; stattdessen bedrückende Enge, unheimliches Dämmerlicht, ständige Erschütterungen. Das Pilotengesicht bleibt im Dunkeln, verdeckt vom Visier des Helms. Ein paar atemlose Sekunden, dann erst blicken wir in rastlose Fliegeraugen. Es ist Neil Armstrong, gespielt von Ryan Gosling, kurz vor fataler Abdrift. Diesmal kratzt er die Kurve, gerade noch.

Gefährliche Turbulenzen als Sinnbild eines besorgten (und zuweilen besorgniserregenden) Zeitgeists? Vielleicht. Die Angst vor dem Abgrund ist in Chazelles neuem Werk jedenfalls immer präsent. Was in seinem Musical-Hit „La La Land“, der Venedig vor zwei Jahren eröffnete, nur als unterschwellige Beklemmung strauchelnder Künstlerseelen mitschwang, nimmt hier ausdrücklich existenzielle Dimensionen an. Stärker als die Würdigung der legendären Apollo-Missionen hat der mitreißende, aber nicht gerade leichtblütige Film das Psychodrama seiner Hauptfigur im Sinn: Armstrongs Tochter erlag zweijährig einem Gehirntumor, viele seiner Kollegen kommen im Zuge des Weltraumrennens der Sechzigerjahre bei Unfällen ums Leben. Eine Trauerfeier nach der anderen: Der Überlebende richtet den Schmerz nach innen und stürzt sich auf der Flucht vor den Dämonen umso entschlossener ins Astronautenabenteuer.

 

Mit dabei in der Rakete

Auf dem Sprungbrett ins All serviert „First Man“ seine Hauptattraktionen, sperrt das Publikum in die Rakete und startet ein lautstarkes Schleuderprogramm: Schepperndes Geräuschgewitter, stroboskopartiges Flimmern, zuckende Montage in extremis. Semi-avantgardistische Virtuosenstücke, wuchtig hingetrommelt wie vom Schlagzeugstreberheld in Chazelles Durchbruchsfilm „Whiplash“. Auch Armstrong erscheint als getriebenes Genie, das im Unterschied zum eher unsympathisch gezeichneten Buzz Aldrin (Corey Stoll) schlecht mit Menschen und Medien kann, aber in unendlichen Weiten stets die Kontrolle behält. Erlösung wartet auf dem Mond, wo sich der bis dahin zwischen Synthesizer-Puls und Harfen-Plimplim schwankende Soundtrack breitflächig über Kraterpanoramen ergießen darf. Dann saugt das Vakuum den Ton weg, und der „große Schritt“ steht an. Im Grunde bietet „First Man“ eine klassische Gipfelstürmergeschichte – ästhetisch eindringlich, aber dennoch konventionell erzählt.

Hoch hinaus will heuer auch Venedig selbst: Lang laborierte das älteste Filmfestival der Welt im Schatten glamouröser Konkurrenten, allen voran Cannes. Doch langsam scheint sich das Blatt zu wenden, zumindest aus Branchensicht. Während manche die schwindende Präsenz Hollywoods in Cannes beklagen, hat sich Venedig in den letzten Jahren als Oscar-Startrampe etabliert und lockt wieder verstärkt Stars und Studioproduktionen aus Übersee auf seine lauschige Kinoinsel. Hinzu kommt der Zwist der französischen A-Festival-Königin mit Netflix: Der Streaming-Gigant weigerte sich, Kinostarts seiner Festivalbeiträge in Frankreich zu garantieren, Cannes verwehrte diesen in Folge den Zutritt. Nun ist Venedig der lachende Dritte: Gleich sechs Netflix-Filme feiern hier Premiere, darunter viele mit Spannung erwartete Arbeiten großer Autorenfilmer – etwa „Roma“ von Alfonso Cuarón oder „The Ballad of Buster Scruggs“ von den Coen-Brüdern.

Auch abseits solcher Schwergewichte wartet das aktuelle Programm mit Leckerbissen auf; darunter neue Arbeiten eminenter Dokumentarfilmer wie Frederick Wiseman und Errol Morris, der sein Porträt des rechten Ideologen und ehemaligen Trump-Förderers Steve Bannon enthüllt. Österreich ist nicht im Wettbewerb vertreten, dafür sitzt Christoph Waltz in der Jury – und in der unabhängigen Nebensektion Giornate degli Autori läuft Sudabeh Mortezais zweiter Spielfilm „Joy“ über nigerianische Sexarbeiterinnen in Wien.

Es ist einer von vielen Venedig-Beiträgen mit weiblichen Protagonisten. Im Wettbewerb findet sich mit der Australierin Jennifer Kent allerdings nur eine einzige Frau hinter der Kamera – wie schon 2017. Das European Women's Audiovisual Network kritisierte diesen Umstand in einem offenen Brief: „Venedig, diesen Film kennen wir schon.“ Festivaldirektor Alberto Barbera wies die Verantwortung von sich und meinte, er würde „eher kündigen“, bevor er sich auf eine Quotenregelung einlässt – bei der Filmauswahl dürfe einzig die Qualität entscheiden.

Doch der Druck auf A-Festivals, die Inklusion von Regisseurinnen zu gewährleisten, wächst. Auch die Mondmännlichkeit des Eröffnungsfilms könnte in diesem Zusammenhang beanstandet werden. Zwar hat die britische Schauspielerin Claire Foy darin als Janet Armstrong ein paar oscartaugliche Auftritte. Im Gesamtbild spielt sie trotzdem nur eine untergeordnete Rolle. Klar ist, dass in puncto Festivalbetriebs-Geschlechterparität noch viele Schritte gesetzt werden müssen, kleine und große – auch wenn keine Einigkeit darüber herrscht, wer sie setzen soll.

IM WETTBEWERB

Die 75. Filmfestspiele von Venedig finden bis 8. 9. statt. Im Wettbewerb konkurrieren 21 Filme um den Goldenen Löwen – darunter u. a. der Eröffnungsfilm „First Man“, „22 July“ von Paul Greengrass über das Breivik-Attentat, „The Ballad of Buster Scruggs“ von den Coen-Brüdern, Olivier Assayas' Komödie „Doubles vies“, der Historienfilm „The Favourite“ von Giorgos Lanthimos, die starbesetzte Van-Gogh-Biografie „At Eternity's Gate“, Luca Guadagninos Horrorfilm „Suspiria“ und der deutsche Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2018)

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