"Napszállta": Ein düsteres Kakanien zu Gast in Venedig

Kritik "Napszállta", ein Verschwörungskrimi über die Dämmerung der Donaumonarchie, feierte am Montag bei den Filmfestspielen Premiere. Einer von vielen Festivalbeiträgen, die durch Vergangenes auf die Gegenwart blicken.

Irisz (Juli Jakab) kehrt in ihre Heimatstadt Budapest zurück. Sie taumelt durch Jahrmärkte, muffige Anwesen und konspirative Versammlungen wie durch einen fremden Traum, im Gesicht eine Mischung aus Neugierde, Entsetzen und Renitenz.
Irisz (Juli Jakab) kehrt in ihre Heimatstadt Budapest zurück. Sie taumelt durch Jahrmärkte, muffige Anwesen und konspirative Versammlungen wie durch einen fremden Traum, im Gesicht eine Mischung aus Neugierde, Entsetzen und Renitenz.
Irisz (Juli Jakab) kehrt in ihre Heimatstadt Budapest zurück. Sie taumelt durch Jahrmärkte, muffige Anwesen und konspirative Versammlungen wie durch einen fremden Traum, im Gesicht eine Mischung aus Neugierde, Entsetzen und Renitenz. – (c) Filmfestspiele Venedig

Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet kann ein Filmfestival wie Venedig seltsam anmuten: Geblendet vom Sonnenlicht trudelt man hier auf einer beschaulichen Insel der Seligen durch Menschenmassen und babylonisches Sprachgewirr, umspült von widersprüchlichen Meinungen und obskuren Diskursen, um stundenweise in verdunkelten Sälen unterzutauchen, wo Bilder an einem vorüberziehen, deren Bezug zur Wirklichkeit nicht immer offenkundig ist. Vielleicht hat sich der ungarische Regisseur László Nemes ja von seinen bisherigen Festivalerfahrungen inspirieren lassen, als er seinen k. u. k. Krimi „Napszállta“ entwickelte. Montagnachmittag feierte dieser am Lido Premiere.

Der Film stürzt das Publikum in eine düstere Vision der Donaumonarchie kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Eine junge Frau namens Irisz (Juli Jakab) kehrt in ihre Heimatstadt Budapest zurück. Sie will im Hutgeschäft ihrer verunglückten Eltern arbeiten – und den Geheimnissen ihrer Vergangenheit auf die Spur kommen. Der neue Ladenbesitzer (Vlad Ivanov) gibt sich nicht gerade auskunftsfreudig, es liegt Verschwörung in der Luft. Doch Irisz lässt sich nicht abschrecken.

Dabei bietet „Napszállta“ kein Panorama der Dämmerperiode Österreich-Ungarns, keinen Abgesang im Geiste von „Radetzkymarsch” und „Kapuzinergruft“. Stattdessen schickt er den Zuschauer auf Irrwege durch die Geheimgänge Kakaniens, wo sich hinter prächtigen Geschäftsauslagen, Donaudampfern und Parkpromenaden Bedrohliches zusammenbraut. Wie schon in Nemes' wuchtigem, umstrittenen Debüt, dem Auschwitz-Höllenritt „Saul fia”, bleibt die Kamera ganz nah an der undurchsichtigen Hauptfigur. Sie taumelt durch Jahrmärkte, muffige Anwesen und konspirative Versammlungen wie durch einen fremden Traum, im Gesicht eine Mischung aus Neugierde, Entsetzen und Renitenz. Die Atmosphäre flirrt vor ominösem Geflüster in unterschiedlichen Sprachen, doch die Botschaften verschwimmen wie der Bildhintergrund.

 

Schuberts „Der Tod und das Mädchen“

Diffus bleiben auch die Rätsel im Zentrum der Handlung. Vielleicht hat Irisz einen verschollenen Bruder, vielleicht gehört er einer Gruppe von Nationalisten oder Anarchisten an, die möglicherweise Anschläge auf Machthaber planen, die eventuell – man ist sich nicht sicher – Mädchenhandel treiben. Klar ist nur, dass Schlimmes bevorsteht, ein apokalyptischer Konflikt, der alles in den Abgrund reißen wird: Als Leitmotiv des beklemmenden Reigens dient das Andante aus Schuberts „Der Tod und das Mädchen”.

Im Pressematerial buchstabiert Nemes aus, was ohnehin ersichtlich ist: Sein Film porträtiere eine „Zivilisation am Scheideweg“, deren Niedergang der Gegenwart zur Warnung gereichen sollte. Ob man das nun überzogen findet oder nicht: Es fällt schwer, den Schlingerkurs von „Napszállta“ 140 Minuten lang ohne Aufmerksamkeitsstörungen mitzuverfolgen. Er bleibt stets im bedeutungsschwangeren Modus des Mysteriösen, und sein permanenter Suspense-Zustand gleicht irgendwann einer totalen Abwesenheit von Spannung.

Vom Konzept her ist Nemes' Zweitlingswerk jedoch emblematisch für den heurigen Venedig-Wettbewerb. Mehr als die Hälfte der Titel im Rennen um den Goldenen Löwen sezieren zeitgenössische Verwerfungen anhand historischer Motive. Ein weiteres Beispiel wäre „Peterloo“: Die nahezu protokollarische Aufarbeitung eines Massakers, das die behördliche Verwaltung Manchesters im 19. Jahrhundert an der städtischen Arbeiterschaft verschuldete. Mit Geduld, leicht karikaturesker Schlagseite und einer starken Faszination für die Macht des gesprochenen Wortes schildert der britische Regieveteran Mike Leigh die Keimung rudimentärer Formen politischen Selbstbewusstseins in der britischen Unterschicht. Dabei spart er die Fallstricke blindwütiger Radikalisierung ebenso wenig aus wie die Gnadenlosigkeit, mit der damalige Autoritäten gegen friedliche Proteste vorgingen – und betont die Notwendigkeit einer vierten Gewalt. Viele der im Film abgebildeten Klassenklüfte scheinen England bis heute zu spalten.

 

Intrigen über Intrigen bei Lanthimos

Etwas weniger großspurig, aber nicht minder bissig verfährt der Grieche Yorgos Lanthimos („The Lobster”) in seinem schwarzhumorigen Kostümdrama „The Favourite“, der im 18. Jahrhundert am Hof von Queen Anne Intrigen spinnt. Eine durchtriebene Herzogin (Rachel Weisz) unterweist eine ehrgeizige Kammerzofe (Emma Stone) in den Regeln des blaublütigen Ränkespiels und der Kunst der Konversationskriegsführung – bis sie selbst ins Visier ihrer Musterschülerin gerät. Am Ende wendet sich die sardonische Unsittenkomödie überraschend ins Tragische – und wartet mit einer surrealen Schlusspointe auf: Wer Menschen wie Tiere behandelt, sieht irgendwann nur noch Kaninchen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2018)

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