Queere Liebe, frei nach Platon

KritikMara Mattuschka erzählt in „Phaidros“ weniger von den alten Griechen als von den neuen Wienern: Eine Lovestory im Queer-Milieu, bildermächtig, schillernd und fantasievoll.

„Phaidros“ feiert die Freiheit, Liebe und die Schönheit des Dekadenten.
„Phaidros“ feiert die Freiheit, Liebe und die Schönheit des Dekadenten.
„Phaidros“ feiert die Freiheit, Liebe und die Schönheit des Dekadenten. – (c) Stadtkino Filmverleih

Das Kaiserbründl in der Wiener Weihburggasse ist heute eine Herrensauna. Ältere erinnern sich aber noch ans Herumirren in der schwülen Luft dieses zaubrischen Etablissements in einem Gründerzeit-Zinshaus. Ein Schah von Persien pritschelte im 19. Jahrhundert in der vornehmen Badeanstalt, ein Generalsekretär-Stellvertreter der Nordbahn erschoss sich mit einem Revolver. Für ihren Film „Phaidros“, nach dem gleichnamigen Werk Platons, konnte Mara Mattuschka im Kaiserbründl Aufnahmen von einer Herrenparty machen. „Phaidros“ war ein schöner Jüngling und ein Schüler von Sokrates. Das Werk handelt von Rhetorik, Philosophie, Liebe und erotischem Begehren. Mattuschka, bildende Künstlerin aus Bulgarien, die schon lange in Wien lebt, baute um das Phaidros-Motiv ein schillerndes Kaleidoskop, in dem es vor allem um die Unsicherheit der geschlechtlichen Orientierung geht. Wir tragen weibliche und männliche Anteile in uns, aber wie sind die aufgeteilt?

Zu Beginn von Mattuschkas Film tritt der Schauspieler Werner Maria (Alexander E. Fennon) aus dem Schwulen-Lesben-Lokal Wiener Freiheit, das Mattuschka von der Schönbrunner Straße in die Neubaugasse verlegt hat. Werner Maria hat offenbar an einer Schaumparty teilgenommen, er wirkt gut gelaunt, etwas diabolisch, doch als ihn eine Runde Männer umringt, zückt er plötzlich ein Messer. Es regnet in Strömen. Aus einem Auto beobachtet Madame Oh (Tamara Mascara) die Szene und lacht. Werner Maria und der schöne Emil (Julian Sharp) proben im Schönbrunner Schlosstheater den „Phaidros“, doch gibt es fortwährend die typischen, sehr skurrilen und heiteren Theater-Querelen – und die Proben kommen nicht voran.

 

Hommage an die Abgründe Wiens

In seiner prachtvollen Altbauwohnung näht Emils Mäzen Maurizio (Nicola Filippelli), die Figur erinnert von fern an den Modeschöpfer Fred Adlmüller, opulente Kostüme und trällert auf italienisch „Ridi, pagliaccio!“ (Lache, Bajazzo) aus Leoncavallos Oper, einer Eifersuchtstragödie. Maurizio, der mit seinen roten Samtpantoffeln munter das Pedal der mechanischen Nähmaschine bearbeitet, weiß noch nicht, dass er reichlich Grund zur Eifersucht hat, denn Emil hat sich verliebt, mit Ladyboy Lorelei (May Teodosio) sitzt er in der Badewanne . . .

„Phaidros“ ist eine Lovestory im Queer-Milieu, aber auch ein Krimi in Dritter-Mann-Manier, mächtige Bilder hat Mattuschka für ihren Film gefunden und immer wieder gibt es neue surreale Wendungen, bei denen nicht klar ist: Werden sie von den Akteuren imaginiert oder ereignen sie sich tatsächlich? Was ist die Botschaft dieses eigenartigen und schönen Films, der an Schnitzlers „Traumnovelle“ erinnert? Das muss man nicht fragen, auf jeden Fall ist „Phaidros“ eine Hymne auf die Freiheit und die Liebe – und eine Hommage an Wien, nicht das glänzende, polierte für die Touristen, diese Geschichte führt vielmehr in die lockenden, verborgenen Winkel und Abgründe der Stadt und behauptet eine gewisse Ortlosigkeit.

Wo sind wir denn jetzt eigentlich? In unseren Fantasien? „Was wissen wir über die alten Griechen?“, fragt Maurizio, während er Emil das engelhaft weiße Kleid des Epheben Phaidros für die Theateraufführung anlegt. „Die alten Griechen waren genauso sterblich wie wir“, erwidert Emil gleichgültig. Jede Nacht nimmt er sich einen anderen Burschen ins Bett, was Maurizio nicht stört, solange er bei ihm bleibt. Doch Emil ist der Beziehung mit dem Alten überdrüssig – er weiß nur noch nicht wohin, da findet er eben die Lorelei. „Phaidros“, der Film, könnte auch in Hetero-Kreisen spielen, aber durch die Verlagerung in die LGBT-Szene (lesbisch, gay, bisexuell, transgender) sieht man genauer hin, was auch Absicht war, wie Mattuschka in Interviews erzählte. Die Schülerin Maria Lassnigs ist sehr gebildet, sie wandert in den Künsten herum, nimmt, was sie interessiert – und liebt es, Ungewöhnliches zusammenzubinden. In ihrem Theaterstück „Die Inseln des Doktor Moreau“ (2016 im TAG zu sehen) kombinierte Mattuschka Sci-Fi, Kolonialismus und Filmindustrie. Als nächstes kommt ihr Stück über Oscar Wildes „Dorian Gray“ heraus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2018)

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