Mittelmeer-Drama: Da treibt ein moralisches Hindernis!

KritikIm Mittelmeer-Drama „Styx“ des österreichischen Regisseurs Wolfgang Fischer trifft eine Seglerin auf ein Flüchtlingsboot – und versucht verzweifelt, zu helfen. Ein Film, der wachrütteln will, sich aber zu sehr ins Symbolische versteigt.

(c) Filmladen

„Sein Wasser war viel dunkler noch als Purpur / Und, von der grauen Flut begleitet, kamen / Hernieder wir, durch einen Pfad des Grausens.“ So beschreibt Dante am Anfang seiner „Göttlichen Komödie“ den Totenfluss Styx. Eine von Gustave Dorés berühmten Illustrationen zum Versepos zeigt den Erzähler und seinen Begleiter Vergil bei der Überfahrt. Während Fährmann Phlegyas sein Ruder kraftvoll in finstere Fluten stößt, stehen die beiden Passagiere Seite an Seite und lugen ängstlich über die Ränder des Kahns, wo sich Körper vor Schmerz winden und aufbäumen – zum Teil mit der Absicht, ins Boot zu klettern. Ein grauenerregender Anblick, der übers Mythische hinaus Assoziationen weckt: „Und auch will ich, dass für gewiss du glaubest / Dass unterm Wasser Volk ist, welches seufzet / Und Blasen treibt auf seiner Oberfläche.“

Der Gedankensprung zur Migrationskrise der Gegenwart ist nicht komplett abwegig. 2000 Flüchtlinge sind laut UNHCR seit Anfang des Jahres im Mittelmeer ertrunken. Von 2014 an starben so schon über 15.000 Menschen. Obwohl die jährliche Opferzahl sinkt, ist ein Ende der humanitären Katastrophe nicht absehbar – und die, die sich auf den gefährlichen Seeweg nach Europa begeben, werden von hier aus mit derselben Mischung aus Angst, Mitleid und Entsetzen beäugt, die man im Blick des illustrierten Alighieri zu erkennen glaubt. Ob der Wiener Regisseur Wolfgang Fischer Dorés Radierung kennt? Seinem Film „Styx“ mangelt es jedenfalls nicht an kultivierten Anspielungen, die das ethische Unbehagen der Europäer angesichts der Fluchtbewegungen in allegorische Dimensionen hieven sollen.

 

„Don't intervene“

Dabei erzählt er im Grunde eine recht simple Geschichte. Eine deutsche Notärztin (Susanne Wolff) begibt sich von Gibraltar aus – also von dort, wo die „Säulen des Herakles“ einst das Ende der antiken Welt markierten – auf einen Segeltörn. Zurück lässt sie eine Welt, die in einer kurzen Anfangsszene als kalt und unsolidarisch gebrandmarkt wird: Zwei rücksichtslose Raser verursachen nachts einen schweren Unfall, Fahrerflucht inklusive. Rieke (den Namen der Hauptfigur erfährt man erst im Abspann) hilft dem Verunglückten mit professioneller Effizienz. Kurz darauf sieht man sie auf ihrer Zwölfmeterjacht an der Südküste Spaniens, Proviant für die bevorstehende Reise packend.

Als sie in See sticht, stehen alle Zeichen auf selbstvergessener Glückseligkeit. Schwerelos gleitet das Schiff übers Wasser, von harmlosen Wellen umspielt. Rieke, sichtlich eine erfahrene Seglerin, ist voll in ihrem Element. Sie lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen und springt, mit einer Rettungsleine abgesichert, zur Erfrischung nackt ins Meer. Traumnahrung bietet ein Bildband über Ascension Island, wo Charles Darwin einst mit gezielter Bepflanzung ein künstliches Paradies schaffen wollte: Dieses von Wissenschaft und Aufklärung beförderte Elysium ist das erklärte Ziel der Odyssee.

Doch nach einem heftigen Sturm sieht sich Rieke mit einem moralischen Hindernis konfrontiert. Durchs Bootsfenster erspäht sie einen Fischkutter voller Menschen am Horizont. Gedämpfte Hilferufe dringen an ihr Ohr. Per Funkkontakt versucht sie, Rettungskräfte herzubeordern, aber sie lassen auf sich warten – und ihre Rückmeldungen klingen wie Beschwichtigungen eines mutlosen Über-Ichs: „Don't intervene. To them, you seem to be their life-saver, but you aren't. You can't.“ Rieke hört nicht hin. Als sie einen entkräfteten Buben (Gedion Oduor Wekesa) im Wasser schwimmen sieht, wirft sie ihm einen Rettungsring zu, holt ihn an Bord und beginnt mit der Notversorgung.

In der Dynamik, die sich zwischen dem jungen Flüchtling, der innerlich zerrissenen Ärztin und den entkörperten Funk-Stimmen der vermeintlichen Vernunft entwickelt, soll sich der europäische Zuschauer spiegeln, für den Meldungen von Mittelmeertoten zur schrecklichen Normalität geworden sind. Fischer will wachrütteln und an die Verantwortung einer Gesellschaft gemahnen, die sich auf humanistische Grundwerte beruft. Das Ohnmachtsgefühl beschwören, das sanktioniertes Wegsehen nährt. Leider klappt das auf dem Papier besser als auf der Leinwand – denn das Parabelhafte der Dramaturgie passt nicht zum prosaischen Inszenierungsstil und schmälert die emotionale Wirkung.

Schauspiel, Handlung und Dialog des Hochseekammerspiels zielen permanent auf Symbolkraft ab. Aber der Detailrealismus des Bootsschauplatzes, die unstete Kamera und die nahezu protokollarische Genauigkeit, mit der Riekes Rettungsbemühungen geschildert werden, lassen das Filmgeschehen stets als das erscheinen, was es bei aller Verankerung in erschütternden Wirklichkeiten ist – eine intellektuelle Konstruktion.

 

Das Boot heißt wie ein Freund Darwins

Wer es kennt, muss unweigerlich an das Robert-Redford-Konzeptdrama „All Is Lost“ denken, das 2013 an vergleichbaren Problemen litt: Dort sollte die Kollision eines einsamen Einhandseglers mit einem im Ozean treibenden Container die Bruchstellen des Kapitalismus repräsentieren. Fraglich, ob der Gedanke beim Publikum ankam. In „Styx“ heißt Riekes Boot „Asa Gray“ – wie der gläubige Botaniker, der Darwinismus mit religiösem Schöpferglauben zu versöhnen suchte. Ist eine Erkenntnis, die man sich erst ergoogeln muss, noch eine Erkenntnis?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2018)

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