Film: Adam und Eva der Postmoderne

Von allen alleingelassen: Ulrich Köhler setzt in „In My Room“ einen erschöpften Kameramann in ein postapokalyptisches Szenario. Ein so wuchtiges wie subtiles Epos.

Plötzlich nur mehr zu zweit: Elena Radonicich und Hans Löw in „In My Room“.
Plötzlich nur mehr zu zweit: Elena Radonicich und Hans Löw in „In My Room“.
Plötzlich nur mehr zu zweit: Elena Radonicich und Hans Löw in „In My Room“. – (c) Polyfilm

Der Nachrichtenkameramann Armin (Hans Löw) ist Anfang 40, lebt in Berlin, ist allein und kinderlos geblieben. Wollte er sich nie festlegen, weil ihn das Eheleben seiner Eltern abgeschreckt hat? Hat er seine romantischen Träume von einer Beziehung irgendwann begraben, weil sie sich im urbanen Milieu der zwanglosen One-Night-Stands und Kurzzeitbeziehungen nicht realisieren ließen? Man weiß es nicht.

Sicher – und an seinem trübsinnigen Blick sichtbar – ist nur, dass Armin mit seiner Lebenssituation unglücklich ist. Und dass er nicht mehr richtig funktioniert. Er vergisst, einen Knopf an seinem Arbeitsinstrument zu drücken. Prominente linke Bundestagsabgeordnete setzen zum Sprechen an, dann brechen die Aufnahmen ab. Nach einer Standpauke im Schneideraum hofft er in der Diskothek auf sexuelle Entschädigung für sein angeknackstes Ego. Aber die Frau, die er aufgabelt, verliert nach ein paar leidenschaftslosen Küssen das Interesse an ihm . . .

Regisseur Ulrich Köhler, ein Vertreter der Berliner Schule, entwirft zu Beginn seines jüngsten Films eine fragmentierte und unaufhellbare Welt, durch die er einen erschöpften, einsamen und entfremdeten Repräsentanten des Prekariats taumeln lässt. Der utopische Glaube an eine sozialistische Gesellschaft wirkt passé. Armin dreht dessen Vertretern sogar – in einer Freud'schen Fehlleistung? – das Wort ab. Auch Amor und Eros haben Sendepause.

Allerdings setzt Köhler der tristen Beschreibung des unsteten Großstadtlebens keine konservative provinzielle Idylle entgegen: Als Armin in sein Herkunftsdorf zurückkehrt, weil seine Großmutter im Sterben liegt, wird er nicht durch Heimatliebe und Familienzusammenhalt von seiner Depression kuriert. Diese vertieft sich dort sogar. Der Fernsehapparat erhellt die dumpfe Stille in der Gartenzaunsiedlung nur schlecht.

Und dann passiert aus heiterem Himmel etwas Sonderbares. Alle Menschen sind mit einem Mal verschwunden, ohne sich – mit Ausnahme der Oma – in Leichen oder wenigstens in Zombies verwandelt zu haben. Sie sind nur mehr in den Spuren präsent, die sie hinterlassen haben. Und Armin ist der einzige und letzte Mensch. Buchstäblich von allen alleingelassen. Ein postapokalyptisches Szenarium, aber ohne spektakuläre Endzeitthriller-Elemente, auch ohne logische oder theologische Erklärung des plötzlichen Bevölkerungsschwunds. Überhaupt scheint „In My Room“ stärker von Antonionis mysteriösem „L'eclisse“ als von Emmerichs krachendem „Independence Day“ beeinflusst.

Der realitätsnahe, doch um distanzierte Beobachtung bemühte Stil der Inszenierung bleibt auch nach der fantastischen Zäsur. Allerdings bekommt die Handlung durch Armins Wandlung in einen zivilisierten Naturmenschen etwas Parabelhaftes. Nachdem Armin sich in der Wildnis eingerichtet hat, begegnet er Kirsi (Elena Radonicich), seinem weiblichen Pendant, mit dem er rasch zusammenkommt. Doch bald treibt die Gretchenfrage aller Pärchen einen Keil zwischen die beiden: Ein Kind in diese Welt setzen, ist das verantwortbar?

Köhler ist mit „In My Room“ ein universelles, so wuchtiges wie subtiles Epos gelungen, das existenzielle Grundfragen aufwirft, dabei aber immer von kleinen Dingen ausgeht, gegenwärtigen und privaten, politischen und biologischen. Und doch müssen sich die postmodernen Äquivalente zu Adam und Eva entscheiden: Soll das menschliche Sein fortbestehen oder nicht? Die Frage bleibt letztlich offen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Film: Adam und Eva der Postmoderne

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.