Wer ist schuld, wenn ein "Black Mirror"-Held Drogen nimmt?

Interaktiver Film. Wie der Netflix-Film „Black Mirror: Bandersnatch“ ausgeht, entscheidet der Zuschauer. Glaubt er jedenfalls, eine Zeit lang. Ein raffiniertes Bildschirmexperiment.

Er glaube, er werde von einem futuristischen Ding namens Netflix kontrolliert, raunt Stefan (Fionn Whitehead) seiner Therapeutin zu: Das reichlich selbstreferenzielle Filmexperiment „Bandersnatch“ spielt mit Illusionen und Wahlfreiheit.
Er glaube, er werde von einem futuristischen Ding namens Netflix kontrolliert, raunt Stefan (Fionn Whitehead) seiner Therapeutin zu: Das reichlich selbstreferenzielle Filmexperiment „Bandersnatch“ spielt mit Illusionen und Wahlfreiheit.
Er glaube, er werde von einem futuristischen Ding namens Netflix kontrolliert, raunt Stefan (Fionn Whitehead) seiner Therapeutin zu: Das reichlich selbstreferenzielle Filmexperiment „Bandersnatch“ spielt mit Illusionen und Wahlfreiheit. – Netflix

Theorien, die einen am Konzept des freien Willens zweifeln lassen, gibt es viele. Etwa das mittelalterliche Gleichnis von Buridans Esel, der verhungert, weil er sich zwischen zwei gleich weit entfernten Heuhaufen nicht entscheiden kann – aber immerhin verhungert er als freies Tier, das nicht von Motiven gelenkt wurde. Andere – philosophisch weniger durchdachte – Theorien sprechen dem Menschen die Entscheidungsgewalt gleich ab und präsentieren ihn als wehrloses Objekt, fremdgesteuert von höheren Mächten, geheimen Regierungsprogrammen, psychoaktiven Drogen oder alldem zusammen. Solche Fantasien spielen auch im Netflix-Film „Black Mirror: Bandersnatch“ eine Rolle, doch hier kommt noch eine Idee dazu: Was, wenn der Mensch nichts anderes ist als eine Spielfigur, bewegt von Popcorn mampfenden, mit der Fernbedienung auf der Couch lümmelnden Leuten?

Er glaube, er werde über ein Ding namens Netflix von Menschen aus der Zukunft kontrolliert, raunt der introvertierte Programmierer Stefan (Fionn Whitehead) seiner Therapeutin zu, mit einem Blick, der mehr verzweifelt als verschwörerisch ist. Er wisse auch nicht genau was das ist, Netflix, irgend so ein Entertainment-Ding. Die Therapeutin schaut skeptisch, und als Zuschauer muss man schmunzeln – immerhin hat man ja tatsächlich dafür gesorgt, dass Stefan jetzt in der psychiatrischen Praxis sitzt. Irgendwie halt. „Bandersnatch“ ist der (reichlich selbstreferenzielle) Versuch des Streamingdienstes, das, was in Buchform in den 1980er-Jahren beliebt war, ins digitale Fernsehen zu übertragen: „Choose your own adventure“ hießen die Bände, in denen man, je nachdem, ob der Held aus dem Flugzeug springen oder eine Notlandung versuchen sollte, auf Seite 18 oder 78 weiterlesen musste.

Ein solcher (fiktiver) Roman namens „Bandersnatch“ – benannt nach einem Geschöpf von Lewis Carroll – hat auch Stefan inspiriert, der den Stoff im England der 80er-Jahre als Computerspiel herausbringen will. Doch die komplexen Entscheidungsstränge scheinen jeden zu verhexen, der sich in ihnen verliert: So entspinnt sich eine schräge Geschichte um das Konzept des freien Willens, psychische Krankheit und (imaginierte) Parallelwelten. Die Anthologie-Serie „Black Mirror“ scheint wie geschaffen für Geschichte dieses Formats: Die bisherigen Staffeln drehten sich um die düsteren Konsequenzen, die technologische Errungenschaften bringen könnten. Der neue Film ist – nach Versuchen im Kinderprogramm – Netflix' erster interaktiver Vorstoß für Erwachsene.

Technisch funktioniert das wunderbar. Alle paar Minuten tun sich Optionen für den Fortgang der Handlung am Bildschirmrand auf, man wählt aus, die Szenen laufen indessen nahtlos weiter. Manche Entscheidung scheint auf die Handlung wenig Einfluss zu haben: Wenn man aussucht, welche Kassette Stefan in seinen Walkman stecken soll, entscheidet man lediglich über die Filmmusik. Andere sind weitreichender. Ein Jobangebot annehmen oder nicht? Dem Vater im Zorn mit dem Kristallaschenbecher eine drüberhauen oder ihn lieber wegschicken? Fünf Stunden Filmmaterial gibt es angeblich zu erkunden, im Netz kursieren komplexe Diagramme, in denen Fans alle möglichen Optionen und Ausgänge notiert haben wollen.

 

Die Metaebenen stapeln sich

Spielereien hat „Black Mirror“-Schöpfer Charlie Brooker genug eingebaut. Die Metaebenen scheinen sich übereinanderzuschichten, während man durch das Geschehen navigiert, Schleifen durchläuft und Umwege macht, die die weitere Handlung beeinflussen: ein Drogentrip, der Stefan prägt, eine Kindheitserinnerung, die ihn nicht loslässt. Doch auch das Gefühl, dass hier das Format über dem Inhalt steht – so raffiniert das eine auch ins andere einfließt –, nimmt zu. Und der Frust: Immer wieder gelangt man in eine Sackgasse und muss zur letzten Gabelung umkehren. Nach eineinhalb Stunden hat man dann manche Szene doppelt gesehen, die beengende Stimmung aufgesogen, die stets suggeriert, dass da was faul ist, dass hier irgendwer ein falsches Spiel spielt – doch man hat noch immer keine nennenswerte Geschichte erzählt bekommen.

Ist man dann selbst schuld? Hat man schlicht falsch entschieden? Ist Entscheidungsfreiheit nicht ohnehin nur Illusion? Hier ist es eine, der sich hinzugeben zumindest eine Zeit lang Spaß macht – bis man sich wie ein übersättigter Esel fühlt. Wenn die Heuhaufen nur besser schmeckten!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2019)

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