„Frühes Versprechen“: Wie viel Mutterliebe darf es denn sein?

Kritik Charlotte Gainsbourg als Übermutter: „Frühes Versprechen“ nach dem autobiografischen Roman des französischen Schriftstellers und Diplomaten Romain Gary (1914–1980) zeichnet ein süßes, beklemmendes, verrücktes Bild einer Kindheit.

Nina (Charlotte Gainsbourg) liebt die große Geste. Hier kommt ihr Sohn gerade von der Schule heim.
Nina (Charlotte Gainsbourg) liebt die große Geste. Hier kommt ihr Sohn gerade von der Schule heim.
Nina (Charlotte Gainsbourg) liebt die große Geste. Hier kommt ihr Sohn gerade von der Schule heim. – Polyglott

Es war ein Akt grandiosen Wahnsinns. Gerade erst hat die polnische Polizei ihre Schneiderei verwüstet – sie wurde von einem Nachbarn der Schmuggelei bezichtigt – da lädt Nina die Schickeria der Stadt zu sich ein: Mit dem letzten Geld kauft sie Möbel, lässt einen Luster aufhängen, feine Teppiche ausrollen und engagiert einen verkommenen, in Polen gestrandeten französischen Schauspieler. Er soll sich als Paul Poiret ausgeben, der berühmte Modeschöpfer, der seiner frankophilen Freundin und Vertrauten Nina in Warschau einen Besuch abstattet. Tout Warschau kommt. Tout Warschau ist begeistert von dem Mann. Zwar kippt der Schauspieler nach ein paar Gläsern Champagner aus der Rolle und stimmt obszöne Lieder an, doch Nina rückt alles wieder zurecht: Tout Warschau lässt nun bei ihr schneidern.

 

Ballettunterricht und Fechten

Nina, die Ideenreiche. Nina, die Überschwängliche. Nina, die das Geld für die Erziehung ihres Sohnes verwenden wird, dem kleinen Prinzen. Aus ihm soll einmal Großes werden. Ein Leutnant! Ein berühmter Schriftsteller! Französischer Botschafter! Dafür zahlt sie dem Buben Geigenstunden, Ballettunterricht und Benimmkurse, lässt ihn in der Kunst des Fechtens und des Schießens unterweisen – und als wäre es nicht genug, dass Romain im ganzen Viertel spöttisch „der Botschafter“ genannt wird, lässt sie ihm auch noch eine Jacke aus erlesenstem Pelz anfertigen.

Romain wird den Pelz anziehen, auch wenn er ihn hasst. Er wird Spitzendiplomat werden, wie von der Mutter gewünscht. Ein Schriftsteller, der gleich zweimal mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, einmal als Romain Gary und einmal für ein Werk, das er unter Pseudonym geschrieben hat. Er wird als Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg für Charles de Gaulles kämpfen. Und er wird einen bitteren, süßen, auch komischen Roman über die Liebe und den Wahn seiner Mutter schreiben, mit dem Titel „Frühes Versprechen“.

Eric Barbier hat diesen Roman jetzt verfilmt und nicht vergessen, dass er keine Abrechnung ist, sondern eine Liebeserklärung an eine Frau, die ihren Sohn vergötterte und gnadenlos überforderte. Charlotte Gainsbourg spielt diese Übermutter – und wie. Dieser unerbittliche Blick, diese tiefen Falten um die Mundwinkel, wenn Nina dem Buben erklärt, es gebe nur drei Gründe, sich zu prügeln: eine Frau, die Ehre und Frankreich. Und dann wird ihre Miene ganz weich: Romain hat ihr einen formvollendeten Handkuss vorgeführt.

Man glaubt Gainsbourg auch die Komik. Sie habe, erklärt Nina dem mittlerweile erwachsenen Romain, gründlich nachgedacht. Es bleibe keine andere Möglichkeit: Er muss Hitler töten! Sie hat die Kugeln schon besorgt. Doch dann stürmt sie an den Strand von Nizza, wo Romain (der vor drei Jahren mit dem César ausgezeichnete Pierre Niney) den Tag vor der geplanten Abreise verbringt. „Bleib“, ruft sie. Und wie sie vor ihm niederkniet und ihn umarmt, oder genauer seine Knie, bringt ihn fast zu Fall. Eric Barbier scheut nicht die Überzeichnung – und bleibt dabei doch der Vorlage treu. Allein wie er das Liebesspiel zwischen dem jungen Romain und einer Bediensteten inszeniert, ist hinreißend. Und dann werden die beiden auch noch von Mama ertappt! Die ist natürlich außer sich. Nicht jede Frau ist gut genug für ihren Sohn. Bei seiner (angeblichen) Affäre mit der Frau des Kommandanten der Luftwaffe drückt sie dagegen gern ein Auge zu.

So problematisch die Mutterbeziehung sein mag – der Film zeigt auch: Das Leben draußen ist noch viel, viel schlimmer. Grausam und stolz auf ihre Macht fordert Romains erster großer Schwarm von ihm, er möge lebende Schnecken verzehren, als Liebesbeweis. Und er tut es, er beweist ihr seine Liebe und noch viel mehr. Kumpane stellen ihm eine Falle, um ihn grün, blau und blutig zu schlagen. Vor allem für Romain Garys Kinderzeit in Warschau findet Eric Barbier prägnante, beklemmende Bilder. Dagegen wirken die später gezeigten Kriegseinsätze fast ein wenig pittoresk.

 

Unerfüllte Sehnsucht

Als Romain Gary diesen Roman schrieb, war seine Mutter nicht mehr am Leben. Sie starb während seines Einsatzes in Afrika. Nie wieder, schrieb Romain Gary, werde ihn jemand so lieben. „Mit der Liebe einer Mutter macht das Leben ein frühes Versprechen, das es nie halten wird. Danach sehnt man sich bis an sein Lebensende. Jedes Mal, wenn eine Frau dich in den Arm nimmt und an ihr Herz drückt, sind es nichts als Überreste. Sanfte Lippen reden von Liebe, aber du weißt es besser. Du hast schon lange die Quelle gefunden und sie ausgetrunken.“

Damit endet der Film. Kann man sich als Mutter so eine Liebeserklärung wünschen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2019)

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