„Under The Silver Lake“: Eine Verschwörung für Millennials

In der Mystery-Satire „Under The Silver Lake“ sucht ein orientierungsloser Typ Los Angeles nach seiner Flamme ab – und verliert sich im Zeichenstrudel der Popkultur.

Paranoia – oder die Sehnsucht unserer Zeit? Sam (Andrew Garfield) schlurft in „Under The Silver Lake“ quer durch L. A., getrieben von geheimen Codes und Symbolen.
Paranoia – oder die Sehnsucht unserer Zeit? Sam (Andrew Garfield) schlurft in „Under The Silver Lake“ quer durch L. A., getrieben von geheimen Codes und Symbolen.
Paranoia – oder die Sehnsucht unserer Zeit? Sam (Andrew Garfield) schlurft in „Under The Silver Lake“ quer durch L. A., getrieben von geheimen Codes und Symbolen. – Filmladen

„Super Mario Bros.“, Nintendos Konsolen-Klassiker von 1985, hat offiziell 32 Levels. Doch für Auserwählte hält seine bunte Ziegelwelt eine Überraschung bereit: Wer am Ende der zweiten Ebene eine Reihe esoterischer Spielschritte vollführt, erhält Zutritt zu einem verborgenen Unterwasserreich. Nur die eifrigsten Zocker lüfteten einst sein Geheimnis: ein besonderes Schmankerl für besondere Menschen.

Oder für weltfremde Nerds. Videospiele und ihre Mysterien haben eine Männergeneration herangezüchtet, die überall Geheimcodes wittert, räsoniert ein Gelegenheits-Gamer in „Under The Silver Lake“. Dabei gäbe es heute gar nichts mehr zu entdecken – wo bleibt die Lebenswürze des Unbekannten und Unerschlossenen in einer restlos entzifferten Welt?

Fragen, die auch David Robert Mitchell umtreiben. Vielleicht klebte der US-Filmemacher, Jahrgang 1974, in den 1980er-Jahren selbst vor dem Fernseher – einen Controller in den verschwitzten Händen, auf der Suche nach versteckten Levels. Nun sieht er solche Popkultur-Obsessionen in einem kritischeren Licht – und hat ihnen einen post-postmodernen Verschwörungsthriller gewidmet, der am Freitag in die Kinos kommt.

Im Zentrum steht Sam (Andrew Garfield), wohnhaft in Los Angeles – und das Musterbeispiel eines „Millennials“ in der Sinnkrise: Tagein, tagaus lümmelt der Endzwanziger auf dem Sofa seines Apartments herum, umgeben von Comicheften und alten Filmplakaten. Ab und an gibt es Frauenbesuch, doch von Liebe und Lebensmut fehlt jede Spur – ebenso wie vom Geld für die Miete. Da erspäht er vom Balkon aus eine blonde Schönheit im Gemeinschaftspool (Riley Keough). Wider Erwarten lässt sie sich von seinem Voyeurismus nicht abschrecken. Nur: Bevor die erhoffte Romanze erblühen kann, verschwindet sie.

Faules Spiel, ist Sam überzeugt – an ihm und seinem fragwürdigen Eigengeruch kann es schließlich nicht liegen. Also macht er sich auf die löchrigen Socken, um die Verschollene wiederzufinden, quer durch die Palmen-Alleen, Partys und Penthouses Hollywoods. Und stolpert dabei immer tiefer in einen Kaninchenbau, in dem Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen. Als Wegweiser dienen die Signal- und Symboltapisserien der Gegenwart, überall forscht Sam kryptische Botschaften aus: Warum sollte des Rätsels Lösung nicht im Gedudel eines Indierock-Songs oder auf der Rückseite einer Müslipackung stecken? Was wäre sonst der Sinn des Zeichenstrudels um uns herum?

 

Kurios trotz Spannungsmangels

In seinem kulturpessimistischen Bestseller „Wir amüsieren uns zu Tode“ schrieb der Medienwissenschaftler Neil Postman, das Informationszeitalter mit seinem zusammenhanglosen Nachrichtenfluss habe der „Belanglosigkeit zu Ansehen“ verholfen und das Ohnmachtsgefühl der Menschen verstärkt. Das war 1985, im Jahr von „Super Mario“. Als ersten Ursprung des Übels nannte Postman die Telegrafie, vom Internet war noch keine Rede. Schenkt man seiner These Glauben, ist ihre Gültigkeit nur gestiegen.

„Under The Silver Lake“ spürt dieser Ohnmacht 2.0 nach, von lähmender Orientierungslosigkeit über den Zwang, alles mit Bedeutung aufzuladen bis hin zur Ahnung, dass es nie wieder etwas Neues unter der Sonne geben wird. Passenderweise wirkt der Film selbst wie eine Art Pop-Palimpsest voller unsubtiler Anspielungen: Sam trudelt durch L.A. wie James Stewart durch San Francisco in Alfred Hitchcocks „Vertigo“, alle möglichen Neo-Noirs und Verschwörungskrimi-Vorgänger („The Long Goodbye“, „Inherent Vice“) scheinen durch. Die Hauptfigur selbst – mit Struwwelfrisur, müdem Blick und dem schlurfenden Habitus eines Dauerkiffers – geriert sich wie ein Verwandter des ängstlichen Amateurdetektivs Shaggy aus der Zeichentrickserie „Scooby-Doo“.

Bei seiner Premiere in Cannes wurde der Film verhalten aufgenommen: Mitchells (über-)ambitioniertes Sittenbild verliere sich in seinen eigenen Windungen, monierten Kritiker. Tatsächlich ist „Under The Silver Lake“ kurios, aber weder besonders spannend noch besonders witzig noch besonders unheimlich, mäandert über zweieinhalb Stunden eher apathisch dahin. Allerdings passt das zu seinem Protagonisten ebenso wie zu seiner selbstkritisch-satirischen Grundhaltung. Die Paranoia, die in Siebziger-Jahre-Thrillern wie „Die drei Tage des Condor“ noch ins Mark ging, ist hier zu einem Grundrauschen verkommen, mit dem man halt umgehen muss. Aus dem erwähnten Geheimlevel in „Super Mario Bros.“ gibt es übrigens kein Entkommen: An dessen Ende wird man stets an den Anfang zurückversetzt – bis man alle Leben verloren hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2019)

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