Warum Oscar-Sieger "Green Book" kritisiert wird

Viggo Mortensen verwendete das "N-Wort" und die Familie des echten Don Shirley nannte den Film "Lüge": Die Chancen für "Green Book" beim Oscar standen schlecht. Trotzdem wurde die Komödie zum besten Film gekürt.

Viggo Mortensen as Tony Vallelonga and Mahershala Ali as Dr Donald Shirley in Green Book directed
Viggo Mortensen as Tony Vallelonga and Mahershala Ali as Dr Donald Shirley in Green Book directed
Viggo Mortensen und Mahershala Ali spielen in "Green Book" zwei sehr unterschiedliche Männer, die sich miteinander anfreunden – (c) imago/Cinema Publishers Collecti

Es war die Überraschung bei der Oscar-Verleihung in der Nacht auf Montag: Dass der Academy Award in der Hauptkategorie bester Film an "Green Book" gehen würde, damit hatten im Vorfeld nicht viele gerechnet. Denn der Satz, den man in den vergangen Monaten vom Team um "Green Book" oft hörte, war: "Es tut mir leid". Die Komödie von Peter Farrelly, die zwar zahlreiche Trophäen gewonnen hat - darunter in wichtigen Kategorien bei den Golden Globes und den Hauptpreis bei den Producers Guild Awards -, war nämlich Thema diverser Kontroversen.

Viggo Mortensen entschuldigte sich für das "N-Wort"

Bereits vergangenen November löste Darsteller Viggo Mortensen Kontroversen aus, als er im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Los Angeles das "N-Wort" benutzte, während er Rassismus in den USA adressierte. Sein Filmpartner Mahershala Ali war gekränkt.

Kurz darauf veröffentlichte Mortensen eine Entschuldigung. "Obwohl ich beabsichtigte, mich gegen Rassismus auszusprechen, habe ich kein Recht darauf, mir auch nur vorzustellen, wie sehr es wehtun muss, wenn man dieses Wort in irgendeinem Zusammenhang hört, vor allem von einem weißen Mann", sagte der 60-jährige Schauspieler in einer Erklärung gegenüber dem "Hollywood Reporter".

Ein rassistischer Schlägertyp arbeitet für einen Schwarzen

Viggo Mortensen spielt Tony Vallalonga, einen italienisch-amerikanischen Schlägertypen aus der Bronx, der 1962 in einem New Yorker Nachtclub arbeitet. Als wir ihn zum ersten Mal treffen, wird er als so rassistisch dargestellt, dass er zwei Gläser wegwirft, die von zwei schwarzen Arbeitern benutzt wurden, die den Boden seiner Küche reparieren. Aber am Ende des Films, der Tony folgt, wie er den schwarzen Pianisten Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) durch den rassistischen Süden der USA chauffiert, lädt er den Musiker zu sich nach Hause ein. Ali erhielt bei der Oscar-Verleihung den Preis für den besten Nebendarsteller - den zweiten in seiner Karriere.

 

91st Academy Awards - Oscars - Hollywood
91st Academy Awards - Oscars - Hollywood
Mahershala Ali bekam für "Green Book" seinen zweiten Oscar – (c) REUTERS (MIKE BLAKE)

Ist Villalonga ein "weißer Retter"?

"Green Book", basierend auf einer wahren Geschichte, die von Vallalongas Sohn Nick gemeinsam mit Peter Farrelly geschrieben wurde, wurde als Heilsgeschichte darüber beworben, wie die beiden Männer ihre Vorurteile überwinden konnten und eine Freundschaft Anfang der 1960er-Jahre eingingen.

Einige US-Kritiker hatten ihre Probleme mit der Kumpelkomödie, weil sie in ihrer Darstellung der Rassenproblematik in den USA veraltet war und Vallalonga als eine Art "weißen Retter" feierte.

Für Familie "eine Symphonie von Lügen"

Der Film geriet wieder unter Beschuss, als "Shadow and Act", eine Website, die sich dem afroamerikanischen Kino widmet, Interviews mit einigen der Familienmitglieder von Don Shirley veröffentlichte, einschließlich des Bruders des Pianisten, Maurice Shirley, der den Film als "eine Symphonie von Lügen" bezeichnet hat. Laut dem Neffen des Musikers, Edwin Shirley III, war die Darstellung der Jazzlegende als Mann, der sich von seiner Familie und der schwarzen Gemeinschaft abwandte, "ziemlich erschütternd". "Das war sehr schmerzhaft", sagte er gegenüber "Shadow and Act". "Das ist zu 100 Prozent falsch."

Mahershala Ali entschuldigte sich - bei der Familie

Familienangehörigen zufolge seien Shirley und Vallalonga nicht einmal Freunde gewesen, sondern hätten ein reines Arbeitsverhältnis gehabt. Als Ali von der Enttäuschung der Familie über die Darstellung des Pianisten durch den Film erfuhr, rief der 44-jährige Oscarpreisträger sie persönlich an, um sich zu entschuldigen: "Ich erhielt einen Anruf von Mahershala Ali, einen sehr, sehr respektvollen Anruf von ihm persönlich. Er rief mich und meinen Onkel Maurice an, bei dem er sich entschuldigte", so der Neffe in "Shadow and Act".

Regisseur Peter Farelly entschuldigte sich für Streiche

All dies schien "Green Book" bei den Golden Globes nicht zu schaden, aber einige Tage nach der Preisverleihung geriet Peter Farelly, der den Globe in der Kategorie "Bestes Musical oder Komödie" entgegen genommen hatte, ins Kreuzfeuer. Es wurde bekannt, dass Farrelly und sein Bruder und häufiger Filmpartner, Bobby Farrelly, gerne Streiche auf ihren Filmsets spielten, und die Leute dazu zu brachten, sich Farrellys Penis anzusehen.

Farrelly, bekannt für große, wilde, unartige Komödien wie "Dumm und Dümmer" (1994), gab eine Erklärung ab: "Ich war ein Idiot. Ich habe das vor Jahrzehnten gemacht und dachte, ich wäre lustig, und die Wahrheit ist, dass ich mich schäme, und es macht mich jetzt nervös", sagte der 68-Jährige. "Es tut mir sehr leid."

Drehbuchautor entschuldigte sich für alte Tweets

Der Regisseur war nicht der einzige, dessen Vergangenheit ihn einholte. Drehbuchautor Nick Vallelonga musste sich entschuldigen, nachdem ein umstrittener Tweet aus 2015 wieder aufgetaucht war, in dem er anti-muslimische Bemerkungen gemacht hatte. In dem gelöschten Tweet stimmte Vallelonga mit einer falschen Aussage von Donald Trump überein, der behauptete, Muslime gesehen zu haben, die während des Terroranschlags auf das World Trade Center am 11. September 2001 jubelten. "100 Prozent korrekt", kommentierte Vallelonga den Tweet von Trump. "Muslime in Jersey City jubelten, als die Türme einstürzten." Es gibt keine sachlichen Beweise, die dies stützen.

Die Oscar-Academy blieb von all dieser Kritik unbeeindruckt und kürte "Green Book" zum Sieger. Die Jury für den Filmpreis ist zwar heute in Bezug auf Alter, Geschlecht und Hautfarbe vielfältiger als noch vor ein paar Jahren, aber sie ist nach wie vor vorwiegend weiß und männlich, und diese Wähler lieben eine gute Wohlfühlgeschichte über die Rassenbeziehungen in den USA.

>> Zur Filmkritik von "Green Book"

Die Gewinner: Pointen, Emotionen, Lob und Tadel

Die Sieger bei den Oscars im Überblick:

BESTER FILM

  • "Green Book"

BESTE REGIE

  • Alfonso Cuarón ("Roma")

BESTE HAUPTDARSTELLERIN

  • Olivia Colman ("The Favourite")

BESTER HAUPTDARSTELLER

  • Rami Malek ("Bohemian Rhapsody")

BESTE NEBENDARSTELLERIN

  • Regina King ("If Beale Street Could Talk")

BESTER NEBENDARSTELLER

  • Mahershala Ali ("Green Book")

BESTE KAMERA

  • "Roma

BESTES ORIGINAL-DREHBUCH

  • "Green Book"

BESTES ADAPTIERTES DREHBUCH

  • "BlacKkKlansman"

BESTER FREMDSPRACHIGER FILM

  • "Roma"

BESTE MUSIK

  • "Black Panther"

BESTER SONG

  • "Shallow" aus "A Star is Born"

BESTES KOSTÜMDESIGN

  • "Black Panther"

BESTES MAKE-UP

  • "Vice"

BESTE VISUELLE EFFEKTE

  • "First Man"

BESTER SCHNITT

  • "Bohemian Rhapsody"

BESTES SZENENBILD

  • "Black Panther"

BESTE TONMISCHUNG

  • "Bohemian Rhapsody"

BESTER TONSCHNITT

  • "Bohemian Rhapsody"

BESTE DOKUMENTATION

  • "Free Solo"

BESTER ANIMATIONSFILM

  • "Spider-Man: Into the Spider-Verse"

BESTER KURZFILM

  • "Skin"

BESTER ANIMIERTER KURZFILM

  • "Bao"

BESTER DOKUMENTAR-KURZFILM

  • "Stigma Monatsblutung"

(APA)

Lesen Sie mehr zum Thema
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Warum Oscar-Sieger "Green Book" kritisiert wird

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.