Apollo, Burg und Mottenpulver

Paul Rosdys Dokumentarfilm „Kino Wien Film“ wandelt auf Erinnerungspfaden durch die hauptstädtische Kinolandschaft. Eine etwas museale, aber sympathische Würdigung.

Plakat für das Apollo-Kino, 1929.
Plakat für das Apollo-Kino, 1929.
Plakat für das Apollo-Kino, 1929. – (c) Deutsche Kinemathek

Geschätzte Gäste! Wir sagen guten Abend. Den heutigen Großfilm werden wir mit besonderer Sorgfalt vorführen, um Ihnen einen wirklich genussreichen Abend zu vermitteln.“ Die Lautsprecherstimme, die durch das Multiplex schallt, klingt zu schön, um wahr zu sein. Ist sie auch: Ihre künstlich unter das Bild gelegten Worte entstammen einer anderen Zeit – als Film noch ein Leitmedium war und Wien sich vor Kinos kaum retten konnte.

Diese lichtspielfreudige Ära würdigt Paul Rosdys Doku „Kino Wien Film“. Nach ihrem Viennale-Debüt ist sie nun regulär in Wiener Kinos zu sehen, sinnigerweise begleitet von Sonderveranstaltungen und Gesprächsrunden in den Filmtheatern, durch die Rosdys Leinwandreise führt, (fast) alles Wahrzeichen: Gartenbau und Filmcasino, Haydn und Votiv, Apollo und Admiral, Burg, Bellaria und die Breitenseer Lichtspiele – aber auch die Village Cinemas und das Hollywood-Megaplex im Gasometer.

Um 1900 richteten die Brüder Lumière ein Vorführlokal in der Kärntner Straße ein, kurz darauf brach der Wiener Kinoboom los. Damals reichte der reine Attraktionswert „lebender Bilder“, um Publikum anzulocken, „Kino Wien Film“ zeigt Werbeprospekte und Promo-Fotos. Bald differenzierte sich der Markt aus, mit kleineren Vorstadtkinos für den Alltagsbedarf und zentraler gelegenen Filmpalästen für Galapremieren. Die sozialistische Kinobetriebsanstalt (Kiba) war hier, wie es an einer Stelle heißt, „einzige Kinokette“ unter Familienbetrieben.

Rosdy spricht mit deren Erben und Nachgeborenen, mit Experten, Filmvorführern, Kinobetreibern. Techniker Horst Raimann erklärt den für Stummfilmprojektionen unerlässlichen Frequenzumformer, der Enkel des Zentral-Kino-Gründers Johann Nehéz gedenkt seiner Tätigkeit als „Kinopendler“: Mit „viel motorsportlicher Liebe“ transportierten diese Turboboten Kopien von Spielstätte zu Spielstätte – manchmal bis zu 18 Mal am Tag. Warum so viele Wiener Programmkinos in Kellern sind, erfährt man auch. (Spoiler: Es geht um Steuern.)

 

Als Hitler an der Urania prangte

Der sympathische Streifzug durch (Pop-)Kultur- und Architekturgeschichte (Robert Kotas!) spart Politisches nicht aus. Nach dem Anschluss wurde die Hälfte aller Kinobetriebe arisiert – einmal sieht man die Urania, verhängt mit einem riesigen Hitler-Gesicht. Rosdy bemüht sich, die Aura des Vergangenen abzuwimmeln, indem er die Zeitebenen spielerisch mischt, alte Aufnahmen über Infoscreens laufen lässt, neue auf Schwarz-Weiß trimmt, seine Erinnerungsbewegungen vom umtriebigen Stummfilmpianisten Gerhard Gruber untermalen lässt.

Dennoch wird „Kino Wien Film“ die Anmutung einer Museumsführung mit leichtem Mottenkistenmuff nicht ganz los. Zu oft sieht man ältere Herren in zugeramschten Räumen. Zu viele Schnitte verwandeln Abbildungen ansehnlicher Kinosäle in Billa-, DM- und Bankfilialen. (Nur einmal, bei der Erweiterung des Haydn-Kinos im Jahr 2012, passierte das Umgekehrte.) Zu wenig bekommt man vom laufenden Kinobetrieb der Gegenwart mit, das Thema Digitalisierung wird nur angeschnitten.

Immerhin deuten einzelne Passagen an, dass der Bestand des Kinowesens weniger damit zu tun hat, welche Filme laufen, als mit öffentlichen Orten, an denen Leute „miteinander lustig sein können“, wie es Haydn-Leiter Christian Dörfler formuliert. Daran, so viel ist sicher, wird sich auch im Streaming-Zeitalter nicht viel ändern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2019)

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