„The Silence“: Horror in beharrlicher Stille

KritikEine Familie mit gehörloser Tochter muss sich in einer Welt zurechtfinden, die von blutrünstigen Viechern mit feinen Ohren heimgesucht wird. Zu sehen im Kino.

The Silence
The Silence

In „A Quiet Place“, dem Horrordrama von John Krasinski, das letztes Jahr für begeisterte Kritiken und ein ansehnliches Einspielergebnis sorgte, schaltet eine Familie auf stumm, um sich vor blinden, aber klangsensiblen Aliens zu schützen, denen die Eroberung der Erde gelungen ist. Die pragmatische Anpassung an die schwer erträglichen Zustände gelingt der Familie fast reibungslos. Sie spielt Monopoly mit gepolsterten Spielfiguren und isst ihre Mahlzeiten von geräuschresistenten Tellern aus Brot. Aber die emotionale Harmonie wirkt gestört. Das Schweigegebot belässt Vorwürfe und Missverständnisse im Ungeklärten. In „Bird Box“ (seit Dezember auf Netflix) versagt die Heldin an derselben Diskrepanz. Um ihre Kinder gegen Dämonen zu schützen, deren tödlicher Anblick die Überlebenden zum Tragen von Augenbinden zwingt, konstruiert sie Navigationsgeräte aus Fahrradklingeln und Angelschnüren. Aber mit dem Aufbau einer emotionalen Bindung zu ihnen tut sie sich schwer.

Den beiden Endzeit-Schockern, die einen Trend von Gruselfilmen über die Unterdrückung sinnlicher und sozialer Grundbedürfnisse wie Sehen und Sprechen markieren, hängt sich nun ein später Nachzügler aus dem Bereich des gehobenen B-Films an. Doch der Tiefgang seiner Vorgänger fehlt „The Silence“, inszeniert von Horror-Regisseur und -Kameramann John R. Leonetti, völlig. Genauso das Gespür für ästhetische Feinheiten und psychologische Ambivalenzen.

Dabei ist die Grundidee tatsächlich dieselbe wie die von „A Quiet Place“: Eine Familie mit gehörloser Tochter muss sich in einer Welt zurechtfinden, die von blutrünstigen Viechern ohne Augen und mit feinen Ohren heimgesucht wird. Ein Plagiat ist die Literaturverfilmung, die die deutsche Constantin Film produziert hat und bei uns Kino bringt (anderswo hat Netflix die Distributionsrechte), jedoch nicht: Die Romanvorlage von Tim Lebbons ist sogar älter als das mutmaßliche „Original“, das zeitgleich zu „The Silence“ entstand.

Überflüssig zu erwähnen, dass das Potenzial ungenutzt bleibt, aus der sinnlich eingeschränkten Wahrnehmung der gehörlosen Tochter (Kiernan Shipka, bekannt aus „Chilling Adventures of Sabrina) eine im Tonfilm unübliche Ästhetik rauszuholen. Zum Schwindelgefühl durch beharrliche Stille kommt es ebenfalls nie, dafür wird zu viel geflüstert und von einer Konfrontation mit den geflügelten Ungeheuern zur nächsten gesprungen. Nachdem die Familie (u. a. Stanley Tucci und Miranda Otto) von der Großstadt auf das ruhigere Land geflüchtet ist, trifft sie dort außerdem noch auf evangelikale Kultanhänger, mit denen sie sich ein vorhersehbares Scharmützel liefert.

Selbstironie oder zumindest unfreiwillige Komik hätten geholfen, dass mehr in positiver Erinnerung bleibt als die Faszination des Ekels angesichts der kleinen Flugsaurier mit schlechten Manieren und ohne jeden Respekt für die Toten. Aber leider ist „The Silence“ ganz humorlos – und der Bodyhorror bloß banal.

 

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