Film: Psychopathologie der Monarchie

„Sunset“ schickt eine junge Frau auf Tauchgang im Unbewussten Budapests – kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Eine undurchschaubare Angelegenheit.

In einem untergehenden Abendland: Juli Jakab als verwaiste Tochter berühmter Hutmacher auf der Suche nach der Wahrheit in der Vergangenheit – im Film „Sunset“ (Originaltitel: („Napszállta“), der 2018 in Venedig Premiere hatte und nun in Österreich anläuft.
In einem untergehenden Abendland: Juli Jakab als verwaiste Tochter berühmter Hutmacher auf der Suche nach der Wahrheit in der Vergangenheit – im Film „Sunset“ (Originaltitel: („Napszállta“), der 2018 in Venedig Premiere hatte und nun in Österreich anläuft.
In einem untergehenden Abendland: Juli Jakab als verwaiste Tochter berühmter Hutmacher auf der Suche nach der Wahrheit in der Vergangenheit – im Film „Sunset“ (Originaltitel: („Napszállta“), der 2018 in Venedig Premiere hatte und nun in Österreich anläuft. – (c) Laokoon Film

Über den Gläsern, aus denen wir übermütig tranken, kreuzte der unsichtbare Tod schon seine knochigen Hände.“ So beschreibt Franz Trotta, Hauptfigur von Joseph Roths „Kapuzinergruft“, den Vorabend des ersten Weltkriegs. Für ihn lag der Untergang bereits in der Luft. Doch wie deutlich zeichnete er sich wirklich ab? Sind einzelne imstande, Geschichte im Prozess ihrer Entstehung zu durchdringen? Auch diese Frage stellt der ungarische Films „Sunset“. Er lässt ein Stück Kakaniens neu auferstehen. Schauplatz ist Budapest, die „Schwester und Rivalin Wiens“, wie es im Vorspann heißt, am Anfang der 1910er-Jahre.

Die junge Iris Leiter ist im Waisenhaus aufgewachsen. Ihre Eltern, Hutmacher, sind bei einem Brand gestorben. Nun sucht Iris Anstellung im einstigen Familiengeschäft. Der neue Inhaber ist darüber nicht erfreut. Die Vergangenheit soll vergangen bleiben. Und Iris' entschlossener Blick verrät, dass es ihr auch um Ahnenforschung geht.

Was ist damals passiert? Hat Oskar etwas zu verbergen? Die Präsenz der verhinderten Erbin spricht sich herum. Ein unheimlicher Nachtbesuch bekundet ihr, sie habe einen Bruder: ein übler Geselle, verwickelt in allerlei Machenschaften. Iris nimmt die Spur auf.

Und verläuft sich in einem Labyrinth dunkler Ahnungen. Die Welt von gestern, die „Sunset“ entwirft, glänzt nur an der wuselnden Oberfläche, auf Promenaden und aus Schaufenstern. Darunter rumort es, konspirieren subversive Kräfte. Männer mit finsteren Mienen warten in muffigen Hinterzimmern auf zündende Funken. Sind es Anarchisten? Nationalisten? Man weiß es nicht.

Iris treibt durch dieses Wirrsal wie durch einen trüben Traum, die Kamera folgt ihr. Wie schon in seinem Debüt, dem Oscar-prämierten Auschwitz-Höllentrip „Son of Saul“, wählt Regisseur László Nemes eine radikal subjektive Erzählperspektive. Vieles bleibt buchstäblich im Unklaren, huscht durch den oft verschwommenen Bildhintergrund und das eingeschränkte Blickfeld der Protagonistin. Geflüster ebbt erst ab, wenn Iris den Tuschelnden zu nahe kommt. Um hinter die Kulissen zu blicken, muss sie zur Voyeurin werden, um Ecken, durch Spalte lugen: Dann beobachtet sie, wie ein soignierter Herr aus Österreich und die Witwe eines ermordeten Grafen ihrem SM-Spiel nachgehen: „Leisten Sie mir Widerstand!“

 

Habsburgische Hoheit im Hutgeschäft

Schlau wird man aus alledem nicht. Obwohl man weiß, wohin es spätestens 1914 führen wird. Vieles wirkt undurchdringlich, nachgerade kafkaesk, eine Parade befremdlicher Urszenen von Angstlust und Gewalt. Gedreht wurde zum Teil auf 35 mm, die Körnigkeit steigert den unwirklichen Eindruck.

Zwar zeichnet „Sunset“ ein Porträt der späten Belle Époque, bleibt aber bewusst unspezifisch. Sogar beim Kurzauftritt einer habsburgischen Hoheit auf Hutshopping-Tour (Susanne Wuest). Der Abspann nennt sie schlicht „Prinzessin“.

Es ist die filmgewordene Psychopathologie einer Ära am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nicht analytisch wie in Michael Hanekes „Das weiße Band“, sondern als seelische Tiefenschürfung. „Dein Bruder hat seine innere Dunkelheit auf die Außenwelt projiziert“, meint jemand zu Iris. Vielleicht tut sie dasselbe? Ist der ganze Mummenschanz bloße sublimierte Innenschau?

Nemes will „Sunset“ auch als Parabel auf die Gegenwart verstanden wissen, auf ein Europa am Scheideweg. Doch dieser Film, so virtuos er als Stimmungsbild ist, verdunkelt mehr, als er aufklärt. „Lüften wir diesen Schleier“, heißt es zu Beginn im Hutgeschäft. Ein falsches Versprechen: Was folgt, ist über weite Strecken bloß kryptisches Raunen. Gewichtige Symbolik, die große künstlerische Geste, das hat für Nemes stets Priorität. Man merkt es schon am genannten Satz, dem ersten des Films. Was heißt Entschleierung auf Griechisch? Apokalypse? Potzblitz! So viele Bedeutungsebenen!

Zweieinhalb Stunden lang mäandert Iris durch die Albtraumwelt. Es geht auch anders: Der in Vielem vergleichbare Film „Die Sanfte“ von Sergei Loznitsa (der in einem grotesken ewigen Russland spielt) schafft es bei aller Abstraktion, Zusammenhänge zwischen Gesellschaft, Fantasie und Alltag freizulegen. Bei „Sunset“ bleibt dem Zuseher nur, irgendwann den Hut draufzuhauen: Hurra, das Abendland geht unter!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2019)

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