Diese Spionin wollte nur Frieden

Das plumpe Drama „Geheimnis eines Lebens“ mit Judi Dench erzählt von einer Frau, die Atombombendetails weitergab – und Männern, die lieber wegschauten.

„Wenn du dich verfolgt fühlst, geh in ein Unterwäschegeschäft!“: Rat für Joan (Sophie Cookson).
„Wenn du dich verfolgt fühlst, geh in ein Unterwäschegeschäft!“: Rat für Joan (Sophie Cookson).
„Wenn du dich verfolgt fühlst, geh in ein Unterwäschegeschäft!“: Rat für Joan (Sophie Cookson). – (c) eOne Germany

Wo versteckt man am besten ein Spionagegerät? In einer Schachtel für Damenbinden. In den Vierzigerjahren dürfte das funktioniert haben, wenn dem Film „Geheimnis eines Lebens“ in dieser Frage Glauben zu schenken ist. Der Film, inszeniert vom britischen Theatermacher Trevor Nunn (er war lang Intendant der Royal Shakespeare Company und des Royal National Theatre), basiert auf dem Roman „Red Joan“ – und dieser wiederum sehr lose auf der Lebensgeschichte von Melita Norwood. Als Sekretärin beim geheimen britischen Forschungsprojekt zur Entwicklung einer Atombombe ließ sie dem KGB Informationen zukommen, die der Sowjetunion beim Bau ihrer Bombe maßgeblich geholfen haben dürften. Öffentlich aufgeflogen ist „Granny-Spy“ erst in den 1990er-Jahren, von einer Verurteilung sah die Justiz ab.

Im Film schneidet die betagte Exspionin (hier heißt sie Joan), gespielt von Judi Dench, die Sträucher vor ihrem Häuschen, liest Zeitung, und dann wird sie plötzlich verhaftet. Dench spricht wenig. Meist sieht man sie in einem Verhörzimmer, seufzend, mit einem Blick, der die Verwirrung einer aus dem Alltag gerissenen Oma und die Verzweiflung einer zu Unrecht Angeklagten verrät. Am Ende wird sie vor versammelten Klatschreportern ein Statement verlesen: Sie habe doch nur einen Beitrag zum Weltfrieden leisten wollen. Wenn alle die Bombe haben, würde sie keiner einsetzen. Und habe die Geschichte ihr nicht recht gegeben?

Genauer befasst sich der Film nicht mit ihrer Motivation. Dafür verzettelt sich das Drehbuch mit halbherzig angeschnittenen Nebendramen. Etwa einem tobenden Sohn im Nadelstreif („Wenn das rauskommt, bin ich erledigt!“). Zum Großteil spielt die Geschichte in Rückblenden: Da wird erzählt, wie die junge Joan (Sophie Cookson) als Physikstudentin in kommunistische Kreise kommt und nicht nur an der Ideologie Gefallen findet, sondern auch am hitzigen Rädelsführer Leo (Tom Hughes) – aus dem aber keine innigere Liebeserklärung als „meine hübsche Genossin!“ rauszubekommen ist.

 

Weibliche Materie, pfui!

Leos Cousine Sonya ist es, die Joan später darin bestärkt, Skizzen und Berechnungen aus dem Atombombenlabor zu schmuggeln: „Uns wird niemand verdächtigen, wir sind Frauen. Und hast du das Gefühl, du wirst verfolgt – dann geh in einen Laden für Damenunterwäsche. Kein Mann wird dir dahin folgen!“ Ähnlich verstaubt wie diese Aussage fühlt sich der ganze Film an. Er bemüht plumpe Melodramatik, plätschert im psychologisch Seichten herum und ergeht sich in Klischees. Es ist bezeichnend, dass Joan jeglicher Biografie beraubt wurde, während die reale Melita Norwood eine interessante, gar nicht glatte Geschichte hatte. Um existenzielle Schwierigkeiten und Radikalisierung macht dieser Film aber lieber einen Bogen. Und suggeriert stattdessen Seltsames: Kann Joan deshalb so lang als Spionin unentdeckt bleiben, weil sich kein Geheimdienstler zu tief in „weibliche“ Materie hineinwagen will? Liegt die Durchsetzungskraft dieser Frau darin, dass sie „lady parts“ hat? Als das Labor und die Taschen aller Mitarbeiter einmal durchsucht werden, steckt Joan die Minikamera vom KGB eilig in einen Bindenkarton. Der Officer im Dienst nimmt ihn, erkennt ihn, legt ihn hastig zurück – und stottert ein peinlich berührtes „Danke, Madam“. Ach, so geht weibliche Spionage?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2019)

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