Kann man gottlos Mörder lieben?

„My Days of Mercy“ fragt, ob sich ethische und ideologische Differenzen durch Liebe überwinden lassen.Angesichts politischer Polarisierung ein kostbarer Film.

Für und gegen die Todesstrafe: Juristin Mercy (Kate Mara, l.) mit der jungen Lucy (Ellen Page).
Für und gegen die Todesstrafe: Juristin Mercy (Kate Mara, l.) mit der jungen Lucy (Ellen Page).
Für und gegen die Todesstrafe: Juristin Mercy (Kate Mara, l.) mit der jungen Lucy (Ellen Page). – (c) David Sorcher/ Kinostar

Ein Vater sitzt als mutmaßlicher Mörder seiner Frau im Todestrakt. Selbst als ein belastendes Indiz auftaucht und ihr Glaube an seine Unschuld einen tiefen Bruch erleidet, halten ihm seine drei Kinder weiter die Treue. Leugnen sie seine Schuld oder gehen sie wirklich davon aus, dass er das Opfer einer Verwechslung geworden ist? Das bleibt bis zuletzt ungeklärt.

Jedenfalls touren im Film „My Days of Mercy“ die Mittzwanzigerin Lucy (Ellen Page), ihre ältere Schwester Martha (Amy Seimetz) und ihr jüngerer Bruder Benjamin (Charlie Shotwell) im Wohnmobil von einer bevorstehenden Hinrichtung zur nächsten, um sich vor Gefängniseingängen zu postieren und für die Begnadigung von Todeskandidaten einzutreten. Damit sind sie aufgewachsen. Sie kennen es nicht anders. Und sie lieben ihren Vater – trotz allem.

Schwer begreiflich ist auch, dass sich Lucy ausgerechnet in Mercy (Kate Mara) verliebt. Als Anwaltsassistentin trägt diese dazu bei, dass die staatlich verordnete Tötung von Strafgefangenen in 30 Bundesstaaten der USA beibehalten wird. Wegen Personen wie ihr wird dem Vater bald das Leben genommen.

 

Keine Erlösung durch Sex oder Religion

In „My Days of Mercy“ fragt die israelische Regisseurin Tali Shalom Ezer, ob es möglich ist, durch familiär oder romantisch begründete Liebe ethische und politische Differenzen zu überwinden. Freilich hätte die Antwort einfach ausfallen können. Die Unschuld des Vaters (Elias Koteas) könnte zweifelsfrei feststehen. Die Jus-Absolventin aus einem erzkonservativen Elternhaus könnte die Haltung ihrer Schlabber-Shirts tragenden Geliebten übernehmen. Aber die Bereitschaft zu Vergebung, Empathie und Hingabe ist für die Figuren nicht leicht zu haben. In fast allen Lebensbelangen sind sie durch nicht selbst gewählte Umstände determiniert.

Obwohl die Bereitschaft zu leiden als Voraussetzung authentischer Liebe ausgewiesen wird, fehlt dem Melodram das entschädigende Erlösungspathos aus christlich angehauchten Passionsparabeln, ebenso die Hurrastimmung sexueller Selbstbefreiung. Die Atmosphäre ist nüchtern. Besonders wie Ezer das gleichgültige Vergehen von Zeit in Szene setzt, ist spannend. Jeder Sprung wird mit dem Anblick der Henkersmahlzeit eines Gefängnisinsassen eingeleitet, gegen dessen Hinrichtung sich aller Protest als nutzlos erweisen wird. Von Resignation und Lethargie ist auch das überzeugende Schauspiel von Ellen Page geprägt, die nur einen expressiveren Gang einlegt, wenn sie mit Konflikten oder Hiobsbotschaften konfrontiert wird.

Der Wechsel von Reibung und Harmonie, der die Affäre zwischen den ungleichen Frauen bestimmt, mutet wahrhaftig und aufregend an. Ihre Filterblasen werden schon beim ersten Blickkontakt undicht. Aber bloße Anziehung reicht ihnen nicht. Sie wollen die Oberfläche durchbrechen, den anderen in seiner Andersartigkeit erkennen. So setzt allmählich ein wechselseitiges Verstehen ein, das nicht auf dem Bedürfnis nach symbiotischer Verschmelzung basiert.

In Zeiten der Polarisierung politischer Haltungen ist ein Film wie „My Days of Mercy“ kostbar. Nur dass die Todesstrafen-Thematik wegen der ausführlich beschriebenen Romanze manchmal ins Hintertreffen gerät, ist etwas bedauerlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2019)

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