Juliette Binoche sucht im Wald ihr Seelenheil

KriTikDer japanische Film „Die Blüte des Einklangs“ taumelt an der Kitschgrenze, ist aber auch sehr sinnlich.

Romantik im besten Sinn: Jeanne (J. Binoche) und Tomo (Masatoshi Nagase) nähern sich einander erst vorsichtig, dann leidenschaftlich.
Romantik im besten Sinn: Jeanne (J. Binoche) und Tomo (Masatoshi Nagase) nähern sich einander erst vorsichtig, dann leidenschaftlich.
Romantik im besten Sinn: Jeanne (J. Binoche) und Tomo (Masatoshi Nagase) nähern sich einander erst vorsichtig, dann leidenschaftlich. – Filmladen

Irgendwas habe sie beim Lesen ihres letzten Berichts tief gerührt, meint die japanische Assistentin zur sanft lächelnden Reisereporterin Jeanne (Juliette Binoche), als sie gerade im Zug einen Tunnel durchqueren: Es sei wohl Nostalgie gewesen, „die Empfindung vergangenen Glücks“. Die Reporterin fragt sie gleich rhetorisch nach ihrem Alter und lacht herzhaft. Da strömt plötzlich blendendes Tageslicht auf sie, und eine erhabene Landschaft erscheint im Fenster. „Ein Land, das Tausende Jahre von Geschichte birgt“, sagt Jeanne, bevor ihr – wohl aufgrund einer Erinnerung – die Tränen kommen.

Die Einstiegssequenz von „Die Blüte des Einklangs“ ist repräsentativ dafür, wie das ästhetische Feingefühl der Regisseurin Naomi Kawase und die schauspielerische Sensibilität von Juliette Binoche den Eindruck zerstreuen, man habe es mit blankem Kitsch zu tun. Das meditative Vorüberfließen der Lichter, Gleise und Bäume lässt den Aphorismus der Französin nicht aufgelegt wirken. Ihre verletzliche Erscheinung verhärtet sich auch nie zur Pose überzogener Sentimentalität, sondern bleibt Ausdruck ihrer Empfindsamkeit, die mit der sinnlichen, aber diskreten Bildsprache harmoniert.

 

Eine Pflanze gegen Seelenschmerz

Die Erzählung ist nicht frei von fernöstlichem Pseudo-Spiritualismus und naiver Naturverherrlichung, doch mit Gespür für die Inszenierung magischer Begegnungen. Jeanne sucht im japanischen Wald eine messianische Heilpflanze. Nach tausendjähriger Pause soll sie endlich wieder blühen und den Menschen ihren Seelenschmerz nehmen. Die Zeit bis zur Offenbarung wird zum Erzählen einer Romanze genutzt, die sich zwischen Jeanne und Tomo (Masatoshi Nagase), einem einsiedlerischen Waldbewohner, entspinnt. Obwohl das Paar dem stereotypen Schema von der offenen Frau, die den emotional versteinerten Mann seelisch und sexuell wiederbelebt, entspricht, wird ihre Zuneigung eindringlich spürbar. Die Annäherung erfolgt vorsichtig, die intime Kontaktaufnahme leidenschaftlich, fast traumartig – Romantik im besten Sinn!

Doch der Zwang, zum versponnenen Plot um das Wundergewächs zurückzukehren, bereitet der Liebesgeschichte ein abruptes Ende. Der Erzählmodus wird konfus, der Wald ertrinkt in bunten Farben und sakral anmutenden Lichtstrahlen. Was hat es mit den zwei jungen Männern auf sich, denen sich Jeanne körperlich verbunden zeigt? Sind es Personen, Geister, Reinkarnationen ihres Geliebten? Wenn zum Schluss eine von Mutterschaft bestimmte Symbolik das Ruder übernimmt, ist die Grenze zum Kitsch endgültig überschritten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2019)

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