„Blinded by the Light“: Leben nach dem Springsteen-Evangelium

KRitik In „Blinded by the Light“ wird Bruce Springsteens Musik zum Selbstfindungs-Zündschlüssel eines jungen Pakistani in Thatchers England. Glücklicherweise bietet der Film mehr als Hit-Wurlitzer und Rockstar-Verkultung.

Mit Musik liebt es sich leichter: Das erleben Javed (Viveik Kalra) und Eliza (Nell Williams).
Mit Musik liebt es sich leichter: Das erleben Javed (Viveik Kalra) und Eliza (Nell Williams).
Mit Musik liebt es sich leichter: Das erleben Javed (Viveik Kalra) und Eliza (Nell Williams). – Warner Bros.

Wir leben im Zeitalter des Markenkinos. Klar: Noch nie kam Filmvermittlung ohne Aufhänger aus, ohne das Lockmittel knalliger Eigenheiten. Mal war es das Genre, mal der Star, mal schlicht die Verheißung von Sex, Spektakel, Gewalt oder großen Gefühlen. Doch das alles reicht, angesichts der Knappheiten in der Aufmerksamkeitsökonomie, nicht mehr aus. Was der kommerziell gangbare Film von heute braucht, ist ein Alleinstellungsmerkmal, das blinkt wie ein Leuchtsignal: Hallo, hier, das kennen Sie! Diese Serie aus den Achtzigern, diesen Kultstreifen aus ihrer Jugendzeit, diesen Superhelden, dieses Reizthema! Und neuerdings auch: diese Musik.

Vielleicht war es der Sensationserfolg des Queen-Biopics „Bohemian Rhapsody“, der den Stein ins Rollen brachte. Jedenfalls folgte spornstreichs „Rocketman“ über Elton John. Jüngst spielte „Yesterday“ auf der Leinwand alle Beatles-Stückeln. Und nun startet „Blinded by the Light“ in den heimischen Kinos.

 

Memoiren als Vorlage

Auf dem Plakat hängt ein Schriftzug wie ein Stützrad unter dem Titel: „Inspiriert von den Texten und der Musik von Bruce Springsteen“. Na dann: Ein Ticket, bitte! Der Witz dabei: In „Blinded by the Light“ geht es gar nicht um „Boss“ Bruce. Zumindest nicht vordergründig. Der Film handelt von der Selbstfindung eines jungen Pakistani in der britischen Provinz. Doch damit lockt man offenbar nicht genug Zuschauer hinterm Ofen hervor, um den Anspruch sicheren Erfolgs für die Produzenten zufriedenzustellen. Schade. Also mit Stützrad.

Immerhin: Regisseurin Gurinder Chadha macht das Beste daraus. Die Filmhandlung (auf Basis der Memoiren des Journalisten Sarfraz Manzoor) ist für sie mehr als ein Vorwand, um Springsteen-Hits durch die Boxen im Saal zu jagen. Ihre jüngste Arbeit ist ein Komplementärstück zu ihrem Durchbruch „Kick It Like Beckham“ (2002). Dort war es ein indischstämmiges Teenagermädchen, dessen Fußballleidenschaft mit den traditionellen Werten des wohlhabenden Elternhauses in Konflikt stand. Hier ist es Javed, ein Jugendlicher mit pakistanischen Wurzeln (Pilzkopf, unschuldiger Blick, einnehmendes Lächeln: Viveik Kalra), der auf seine Weise aufbegehrt. Nach „Bohemian Rhapsody“ und „Yesterday“ ist „Blinded by the Light“ der dritte britische Musikfilm mit einem Einwandererkind als Hauptfigur. Sie alle feiern Rock als Integrationsschmiere und Kulturkitt.

Wir schreiben das Jahr 1987: Javed lebt unweit von London in der Kleinstadt Luton. Ihr Name ist für ihn ein „four-letter-word”, ein Schimpfwort. Viel mehr als Schule und Alltagsrassismus gibt es hier nicht. Zuhause hat Papa (Kulvinder Ghir) das Sagen. Sein Lebensmotto: hart arbeiten, nicht auffallen, unter deinesgleichen bleiben. Auch nachdem der Thatcherismus ihn seinen Job in der Autofabrik gekostet hat. Javeds Schreibleidenschaft schmälert sein Außenseitertum nicht. Erst der Zuspruch einer engagierten Englischlehrerin nährt in ihm den Glauben an sich selbst. Und dann, eines stürmischen Nachts, findet er dank Musikempfehlung einen Seelenverwandten: „Sometimes I feel so weak I just want to explode“, röhrt Springsteen aus dem Walkman und treibt Javed in einem schönen, angemessen melodramatischen Moment aus dem Bett, hinaus auf die Straßen, wo der Verkapselte seinen von eingeblendeten Textzeilen umkränzten Frust endlich gen Himmel schreien darf. Nun hat er einen Mutmacher, einen Ratgeber. Er traut sich, seine Texte bei der Schülerzeitung einzureichen. Mit „Thunder Road“ im Ohr die rebellische Eliza (Nell Williams) anzuflirten. Seinem Vater Paroli zu bieten. Frei nach dem Springsteen-Evangelium: „Talk about a dream, try to make it real“.

 

Akustische Abwechslung tut gut

Dass ein pakistanischer Bub aus einem englischen Kaff sich in den aus der Synthie-Pop-Zeit gefallenen Arbeiterklassenballaden eines US-Barden wiederfindet, ist die Kernbotschaft des Films: Starke Songs mit Wirklichkeitsgrundierung kennen keine Kulturbarrieren. Doch „Blinded by the Light“ belässt es nicht bei Bruce-Verkultung, deutet löblicherweise an, dass jeder nach seiner eigenen Freiheitspfeife tanzt. Javeds Schwester etwa zu Bhangra-Klängen in der vormittäglichen „Daytimer“-Disco, um den strengen Eltern ein Schnippchen zu schlagen. Und Javeds Kumpel Matt halt zu seinen Pet Shop Boys. Die akustische Abwechslung tut dem Film gut: Nicht jedes Lebensgefühl lässt sich mit Springsteen-Pathos fassen. Für Musicaleinlagen, die der Film (wohl aus Budgetgründen) eher halbherzig angeht, eignet es sich auch nur bedingt. Doch das sei der Regie verziehen: „Blinded by the Light“ bleibt, wie die Hadern des Altrockers aus New Jersey, selbst im Sentimentalen sympathisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2019)

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