„La Vérité“: Mit Witz und einem wahren Kern

KritikAm Mittwoch eröffnete „La Vérité“ das Filmfest mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche als Mutter und Tochter. Der konsensfähige Start einer eingerasteten Veranstaltung.

Fabienne (Catherine Deneuve) mit Familie (Juliette Binoche, Ethan Hawke, Clementine Grenier).
Fabienne (Catherine Deneuve) mit Familie (Juliette Binoche, Ethan Hawke, Clementine Grenier).
Fabienne (Catherine Deneuve) mit Familie (Juliette Binoche, Ethan Hawke, Clementine Grenier). – L. Champoussin

Die Lacher der versammelten Journalisten hatte „La Vérité“, der Eröffnungsbeitrag der 76. Filmfestspiele von Venedig, von Anfang an auf seiner Seite. Da sitzt Catherine Deneuve beim Interview und bügelt abgelutschte Fragen ab. „Das können sie in der ,Libération‘ nachlesen“, lässt die Grande Dame ihren Gesprächspartner wissen. In Wirklichkeit wäre sie nie so barsch, meinen Kollegen, die schon das Vergnügen hatten. Doch im Film (zumal mit dem Titel „La Vérité“/„Die Wahrheit“) darf man auch Klartext reden. Wobei: Der Witz birgt einen bitteren Kern, der auch Venedig selbst betrifft. Die Wiederkunft des ewig Gleichen ist ein Zentralproblem des A-Festivalbetriebs. Nichts fürchtet man hier so sehr wie die Abweichung vom etablierten Profil. Als Alberto Barbera 2011 die Leitung der Kinomostra übernahm und Hollywood mehr denn je auf den Lido lockte, wirkte das wie ein Tapetenwechsel. Inzwischen ist seine Methodik eingerastet und nährt einen vorhersehbaren, repetitiven (Schein-)Diskurs.

Da die Filmbiennale als Oscar-Rampe gilt, wird das Programm stets auf US-Präsenz abgeklopft. Heuer dabei: Brad Pitts Weltraumreise „Ad Astra“, der düstere Superheldenableger „Joker“, die Panama-Papers-Dramatisierung „The Laundromat“ und Noah Baumbachs „Marriage Story“. Die Letztgenannten sind Netflix-Erzeugnisse – was unweigerlich eine Debatte ums Ethos des Streaming-Anbieters befeuert. Wenn er seinen Eigenproduktionen nur minimale Kino-Verwertungsfenster gewährt, wieso dürfen diese dann überhaupt auf einem Festival laufen, das sich der Würdigung der siebten Kunst verschrieben hat? Warum keine Blockade wie in Cannes? Barbera nimmt solche Vorwürfe gelassen. Er hat Netflix schon früh Tür und Tor geöffnet – und fährt gut damit.

Nur zwei Filme von Regisseurinnen

Eine weitere Stammkontroverse dreht sich seit #MeToo um Geschlechterparität. Nur zwei Wettbewerbsfilme kommen heuer von Regisseurinnen. Barbera beharrt darauf, das habe mit Diskriminierung nichts zu tun: Die Auswahl richte sich nach der Qualität. Besonders im englischsprachigen Raum moniert man das Hofieren zweier Filmemacher, die Hollywood aufgrund von Sexualdelikten zur Persona non grata erklärt hat: Roman Polanski und Nate Parker sind mit ihren jüngsten Arbeiten vertreten.

Wie soll man da die Spitzenposition Deneuves im Festival-Einstiegswerk interpretieren? Schließlich hat sie sich 2018 prominent #MeToo-kritisch geäußert. Wahrscheinlich nur Zufall: Viel konsensfähiger als mit „La Vérité“ kann man ein Filmfest kaum eröffnen. Es handelt sich um die erste französischsprachige Arbeit des Japaners Hirokazu Koreeda, dessen berührendes Drama „Shoplifters“ vor einem Jahr die Goldene Palme in Cannes davontrug. Nun hat er sich (wie erstaunlich viele asiatische Autorenfilmer) an einen Ausflug ins Herz des europäischen Kinokontinents gewagt.

Wüsste man es nicht, man würde es nicht merken: „La Vérité“ wirkt gallisch wie nur was. Deneuve spielt darin zwar nicht sich selbst, aber eine Art Schlüsselfigur: Eine legendäre Aktrice namens Fabienne, die soeben ihre Autobiografie veröffentlicht hat. Anlass für Tochter Lumir (stark: Juliette Binoche), die in New York Drehbücher schreibt, mit Mann (super: Ethan Hawke) und Tochter nach Paris zurückzukehren. Leicht fällt es ihr nicht: Die Beziehung zur kaltschnäuzigen, karrierefixierten Mama, die sie bei Überforderung in den Keller zu sperren pflegte, ist angespannt. Und was im Buch über Lumir steht, stimmt so überhaupt nicht! Es setzt Streit und Sticheleien im bürgerlichen Anwesen. Doch irgendwo dahinter spürt man das Bedürfnis nach Aussöhnung.

Die Grundgedanken des Films sind nicht neu. Was wir uns im echten Leben nicht sagen können, das äußern wir in der Kunst: Fabienne brilliert in einem Film als Mutter, die dazu verdammt ist, ewig jung zu bleiben. Und sind wir im Grunde nicht alle Schauspieler? Trotz dieser Gemeinplatz-Grundierung überzeugt das dichte, dialoglastige Narrativ mit seiner Subtilität und Vielschichtigkeit, mit Humor und lebhafter Schauspielführung. Es ist genau diese Balance zwischen Sentiment und Tiefe, Kitsch und Klarsicht, an der man die Handschrift des Regisseurs erkennt – zum Glück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2019)

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