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Wer wird sich hier empören? So gut sind die neuen Stand-up-Specials auf Netflix und Amazon

Dave Chappelle teilt gegen alle aus, Aziz Ansari stellt sein Publikum bloß, Whitney Cummings spielt mit Sex-Robotern, Simon Amstell erzählt Deftiges und Jim Gaffigan macht brave Witze: Ein Blick auf die neuen Stand-up-Shows.

Wer Dave Chappelle zuhört, könnte sich verletzt fühlen.
Wer Dave Chappelle zuhört, könnte sich verletzt fühlen.
Wer Dave Chappelle zuhört, könnte sich verletzt fühlen. – (c) Mathieu Bitton

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Dave Chappelle: „Sticks and Stones“

Klug und politisch unkorrekt
Zu sehen auf Netflix

„Regt euch nicht auf, die ihr Netflix schaut, ihr habt auf mein Gesicht geklickt“, erinnert Dave Chappelle sein Publikum nach einer heftigen Passage in seiner neuen Show. Wer schwul, lesbisch, transgender, weiß, Michael-Jackson-Fan, Waffennarr, Nigerianer, ein Verehrer der US-Gründerväter, eine Frau ab 36 etc. ist könnte sich verletzt fühlen. Wer's nicht persönlich, sondern über die Metaebene versteht, hat seinen Spaß, wenn Chappelle austeilt. Er führt einen rauen Spruch (mit viel „Nigger“ und „Motherfucker“), mit dem er seine Zugehörigkeit zur afroamerikanischen Community betont. Gleichzeitig trifft seine kluge, politisch völlig unkorrekte Gesellschaftskritik manchen Nerv.

Verschärfte Abtreibungsgesetze, der lockere Umgang mit Waffen (während an Schulen für den Ernstfall eines Amoklaufs geübt wird), der steigende Drogenkonsum der Weißen in den USA und die Frage, was man heute überhaupt noch sagen darf, sind Themen in „Sticks and Stones“. Dass Chappelle mutmaßliche Missbrauchsopfer Jacksons namentlich nennt und sagt, dass er ihnen nicht glaubt, wäre tatsächlich nicht nötig gewesen. Aber dass Kritiker jetzt einzelne Sätze aus dem Programm herauspicken und für bare Münze nehmen . . . im Ernst? (i. w.)

 

Aziz Ansari: „Right Now“

Diese verdammte Empörungskultur!
Zu sehen auf Netflix

Die Ausgangsposition ist kompliziert: Über Aziz Ansari, den aufgedrehten Liebling eines feministischen, gesellschaftspolitisch aufgeklärten und popkulturell versierten Comedy-Publikums, erschien im Jänner 2018 ein Berichts, der ihn in die Liste der #MeToo-Übeltäter einzureihen versuchte. Der Fall war umstritten (Ansari soll „nonverbale Hinweise“ ignoriert haben), doch er traf Ansari hart. Das erzählt er auch in seinem neuen Programm mit gedämpfter Stimme. In einer perfekt konstruierten Einleitung (Regie: Spike Jonze) präsentiert er sich zugleich als geschädigter wie als geläuterter Mann – und ist es nicht letztlich gut, wenn der Fall ihn und andere zu besseren Menschen gemacht hat?

Es ist schon faszinierend, wie Ansari sein Comeback für einen Imagewandel nutzt – er reflektiert, welche Witze von früher, etwa über seinen dicken Cousin, er nicht mehr machen würde – und seziert dabei eine „Political Correctness“, die er wohl auch für seinen Karriereknick verantwortlich macht. Er mokiert sich über Weiße, die ihren Anti-Rassismus zur Schau stellen, als gäbe es Punkte für jede Twitter-Empörung, er hinterfragt die (fehlende) Aufregung über Missbrauchsvorwürfe: Wie viele Kinder dürfte Michael Jackson geschändet haben, bevor wir den King of Pop abschreiben? Da lässt er auch sein Publikum in so manche Falle stürzen. Dazwischen gibt es lockerere Witze, doch vor allem kann man Ansari dabei zusehen, wie er auf recht ernsthafte, emotionale Art die moderne Empörungskultur verdammt. Weil er ziemlich gut über sich selbst lachen kann, kommt er dabei gar nicht so wehleidig rüber. (kanu)

 

Whitney Cummings: „Can I Touch It?“

Spaßige Ideen für eine bessere Welt
Zu sehen auf Netflix

Sie verstehe die Männer ja, die nicht anders können, als Frauen zu begrapschen. Sie kenne das: Wenn am Flughafen so ein süßer Servicehund herumsteht, der verlangt doch danach, gestreichelt zu werden! Aber – der Hund trägt eine Weste: „Working“. Wäre das nicht eine Idee, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu unterbinden?
Die Komikerin und Serienschöpferin („2 Broke Girls“) Whitney Cummings hat viel Energie und große Lust daran, der weiblichen Lebensrealität spaßige Ideen abzugewinnen. Die Pointen dreht sie sich hin, wie sie sie gerade braucht, ohne Geschlechterklischees kommt sie auch nicht aus (Sex-Roboter? Endlich werden Frauen entlastet!). Dennoch: bei allen Schwächen eine vergnügliche, die Leichtigkeit des Lebens feiernde Show. (kanu)

 

Jim Gaffigan: „Quality Time“

Ganz sauber und selbstironisch
Zu sehen auf Amazon

Was Stand-up-Specials angeht, gibt Netflix im Streamingbereich eindeutig den Ton an: Allein heuer erschienen dort 27 Programme. Nun präsentiert auch Amazon erste Eigenproduktionen, etwa mit Jim Gaffigan – laut „Wall Street Journal“ der „king of clean comedy“: Er erzählt brave, aber ziemlich lustige Geschichten von Bärattacken im Familienurlaub, seiner Blinddarmoperation und Kindererziehung. Jeder Satz ist eine Pointe, und fast jeder hat irgendwie mit seinem Übergewicht zu tun. Jim, der (gar nicht so) dicke Spaßvogel von nebenan – herzig! (kanu)

 

Simon Amstell: „Set Free“

Deftiger britischer Humor
Zu sehen auf Netflix

Auch der Brite Simon Amstell wirkt herzig – ein braver Collegetyp mit Brille und Locken, der eine Stunde lang als Icherzähler durch erhellende Psychotherapiestunden, traumatische Vater-Sohn-Erlebnisse, homoerotische Träume und seine erste – verstörende – Sexparty führt. Im sympathischen Plauderton widmet er sich heiklen Themen wie Homophobie, Scham und Geltungsdrang. Britischer Humor – charmant, aber deftig. (i.w.)

 

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