"Hunger": Tod nach 66 Tagen Hungerstreik

In seinem Debütfilm stilisiert Starkünstler Steve McQueen das Ende von IRA-Mann Bobby Sands. Eine Gratwanderung zwischen Kontroverse und Kitsch. Ab Freitag.

Hunger nach Tagen Hungerstreik
Hunger nach Tagen Hungerstreik
(c) Stadtkino

Dass Steve McQueens Hunger ein Film über ein kontroverses Thema ist, ist ihm zunächst kaum anzumerken. Der britische Künstler McQueen hat sich für sein Filmdebüt eindeutig nicht an den klassischen Erzählungen von Hollywoodfilmen wie Gesprengte Ketten (mit seinem berühmten US-Namensvetter) orientiert. Er entwirft vielmehr das Ende des IRA-Manns Bobby Sands nach 66Tagen Hungerstreik im Belfaster Maze Prison als streng stilisiertes Triptychon.

Die minimalistischen Szenenfolgen des ersten Teils erinnern oft an die Filminstallationen, mit denen McQueen in der Kunstszene rasch Karriere gemacht hat: Ohne Kontext zu etablieren, werden die Geschehnisse als rituelle Abläufe geschildert. Bevor er in die Arbeit fährt, schaut ein Mann unter sein Auto – er entpuppt sich als Gefängniswärter, der täglich nachsieht, ob da eine IRA-Bombe versteckt ist. Ein Häftling wird in die Hochsicherheitshaftanstalt gebracht, ausgezogen und in eine Zelle geworfen, deren Wände ein zweiter Insasse bereits mit Fäkalien beschmiert hat: der „schmutzige Protest“ der IRA-Mitglieder als Exkrementmandala. Grausame Schlagstockzüchtigungen durch die Wärter werden bei McQueen zu kühl komponierten Schmerz- und Bewegungsstudien. Konkrete Körperlichkeit und kapitaler Kunstwille, Materialismus und Manierismus rinnen ineinander.

Als die Gefangenen Wälle aus Essen bauen,um ihren Urin nach draußen zu leiten, zeigt McQueen den Effekt als mehrminütige statische Einstellung: Vor den Türen bilden sich Pfützen, ein Mann putzt sie in Echtzeit auf, bewegt sich weg von der Kamera den Korridor hinunter und wieder herauf. Dazu läuft eine Rede von Margaret Thatcher.

 

Hungerstreik-Debatte mit dem Priester

Politik kommt auf Umwegen ins Spiel, wie auch die Hauptfigur. Zentrum des Films ist ein gut zwanzigminütiges, fast ohne Schnittepräsentiertes, von bitterem irischen Humor durchzogenes Grundsatzgespräch, in dem Bobby Sands (Michael Fassbender) seine Entscheidung für den Hungerstreik bis zum Letzten debattiert – mit einem Priester (Liam Cunningham), der Sympathien hegt, aber die tödliche Konsequenz kritisiert. Dann sei ihm das Leben nichts wert: „Then fookin' life must mean nothing to you!“

Die stark gespielte Szene ist wohl die beste des Films (und der Moment von Dramatiker Enda Walsh als Koautor), zeigt mehr als McQueens Talent für imposante Kunst-Stunts: Die selbstverständliche Theatralik bündelt die Konstruktionsprinzipien von Ritual und symbolischer (Selbst-)Darstellung.

Es gibt sogar einen Hauch Motivation: Sands antwortet dem Priester mit einer Geschichte aus seiner Kindheit. Sonst verharrt McQueens Film strikt im Existenziellen und Religiösen – das Resultat ist weniger politisch als ein Metafilm zu Fragen, die politisches und biografisches Kino aufwirft. Der Irland-Konflikt, in dem sich nationale und religiöse Fragen hoffnungslos gekreuzt haben, wird in Hunger allegorisch in Szene gesetzt: als empirisches Passionsspiel, wie United 93 oder 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage und andere viel diskutierte jüngere Filme. Sogar ein britischer Wärter praktiziert Selbstzüchtigung, und eine der wenigen Szenen außerhalb des Gefängnisses beschreibt eine Hinrichtung, die in einer blutigen Pietà endet.

Das letzte Filmdrittel folgt dann erst einer klaren erzählerischen Linie und zeigt Sands als Märtyrer: Mit verstörender Hingabe hat sich Fassbender brutal ausgehungert, um das Ende von Sands glaubwürdig zu verkörpern. Schwären und Wundmale zeichnen den vergehenden Körper – ein bestürzenden Anblick, aber freilich auch eine konzeptuelle Ästhetisierung, an der die Grenzen von McQueens Entwurf klar werden. So bemerkenswert sein Ansatz ist, am schmalen Grat zwischen kontroverser Kino-Revision und Kunstkitsch gleitet er öfters ab: auch, als im Moment des Todes ein Vogelschwarm aufsteigt, um Verklärung zu bedeuten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2010)

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