„Der Atem des Himmels“: Die Rückkehr des Heimatfilms

Viel Landschaft, noch mehr Kitsch: Die Kinoversion des Buches von Reinhold Bilgeri ist handwerklich solide gemacht, aber keineswegs originell. Motto: Rosen-Resli pflückt Almrausch und Edelweiß.

Atem Himmels Rueckkehr Heimatfilms
Atem Himmels Rueckkehr Heimatfilms
(c) APA/Christian Schramm (Christian Schramm)

Warm anziehen. Der Berg ruft. 2005 veröffentlichte Multitalent Reinhold Bilgeri „Der Atem des Himmels“, die Geschichte seiner Mutter. Mit seiner Frau Beatrice und seiner Tochter Laura hat er sie nun verfilmt. Das Buch (Piper) ist mit 50.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller – allerdings eher Trivialliteratur, nicht nur wegen Wort-Ungetümen wie „Selektion durch den Schneetod“. Auch die Filmversion ist schlicht.

Trotzdem ist sie handwerklich gut gemacht. Das ist schon was, denn Bilgeri ist im Kino ein Anfänger, sodass es, wie er freimütig verriet, nicht einfach war, Geld für das kostspielige und aufwendige Projekt aufzutreiben. Im Pressetext erklärt der frühere Austropopper, der drei Millionen Tonträger verkauft hat, dass der Film für ein breites Publikum und internationale Vermarktung konzipiert ist. Genau so schaut er aus, angesiedelt ungefähr zwischen Phillipp Stölzls „Nordwand“ (2008) und jenen Altertümern, die Samstagnachmittage vorm TV versüßen. Motto: Rosen-Resli pflückt Almrausch und Edelweiß. Unverwüstlicher Heimatfilm!

Der Naturboom beschert ihm eine neue Blüte. Vergessen, dass er einst der Camouflage des realen Grauens diente. „Der Atem des Himmels“ handelt von der verarmten Adeligen Erna von Gaderthurn, die nach dem Ableben ihres Vaters im kleinen Vorarlberger Dorf Blons eine Lehrerstelle annimmt. Ein Baron umwirbt sie, sie verliebt sich jedoch in einen Kollegen. Dann kommt die Lawine, ein Unglück, das sich 1954 tatsächlich ereignet hat, 57 Menschen sterben.

Die Lawine bildet Anfang und Ende des Films. Langsamer rollt in über zwei Stunden die epische Lovestory ab. Sie ist reich an guten Bekannten: Da sind die rauen Bergler, die blond bezopften Mädchen, die Buben in den Lederhosen, die Frauen im Dirndl. Alle haben ein gutes Herz, sogar der Bauer und Quartiergeber Ernas, der ihr Grammofon zerschmettert. Dieses spielt u.a. Ravels „Bolero“ einen Liebesakt-Klassiker, seit Blake Edwards „Die Traumfrau“ mit Bo Derek drehte (1979). Da war Bilgeri, der, wie er erzählte, vor allem der Frauen wegen Popstar werden wollte, gerade mal 29. Jetzt ist er 60, und die Symbole, die er in seinem Film verwendet, sind nicht mehr die frischesten.

Der Fremdenverkehr darf sich indes freuen. „Der Atem des Himmels“ zeigt die heimische Landschaft in reizender Gestalt, ob Sommerweiden oder Flockenwirbel. Ideologisch ist die Story sattelfest: Die Bösen sind die Exnazis, die Guten halten sich an die Besatzungsmächte, vertreten durch einen hübschen französischen Marokkaner und einen freundlich-tüchtigen US-Militär. „Die Vier im Jeep“ (Filmklassiker von 1951).

Der Atem des Himmels: ''Lawinen haben eine Seele''

Glatte Hollywood-Imitation

Die Besetzung ist zufriedenstellend. Herausragend: Erwin Leder als Ernas Vater, Gerd Böckmann als Baron, Krista Stadler als Ernas Mutter, Jaron Löwenberg als Ernas Geliebter. Der deutsche Film imitiert aus kommerziellen Gründen Hollywood – und wirkt dabei mitunter ziemlich museumsreif. 1973 erfand Bilgeri mit Michael Köhlmeier die heimliche Landeshymne von Vorarlberg, „Oho Vorarlberg“, ein Hit. Sein Film hingegen ist ein glattes Mainstream-Produkt, von Humor oder Ironie weitgehend frei.

AUF EINEN BLICK

„Der Atem des Himmels“, Filmdebüt des Sängers Reinhold Bilgeri (60), Lovestory in der Nachkriegszeit, Alpensaga ohne Ironie, für den deutschen Markt, den Tourismus designt. Die Hauptrolle spielt Bilgeris Ehefrau Beatrice. Weiters mit Julia Gschnitzer, Gerd Böckmann, Krista Stadler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2010)

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