"The American": Der stille Handwerker des Todes

Der Musikfotograf Anton Corbijn begab sich für seinen zweiten Spielfilm „The American“ auf neues Terrain. George Clooney beschreitet als Killer ausgetretene Pfade.

American stille Handwerker Todes
American stille Handwerker Todes
(c) Tobis/Giles Keyte

The American ist der Zeit entrückt. So klar wie zu Beginn wird selbst die Jahreszeit im restlichen Film nicht mehr sein: Durch ein Winteridyll in Schweden wandert George Clooney als nachnamenloser Auftragskiller Jack mit einer dunkel gelockten Schönen. Sie entdeckt Fußspuren im Schnee, wenig später sind drei Menschen tot. Auch die Frau ist darunter. „Du hast eine Waffe?“ ist offenbar die falsche Frage, wenn man sich zu dem titelgebenden stillen Amerikaner bettet.

Die Zeit steht still, und sie läuft ab: Auf der Flucht nach Italien endet eine Tunnelfahrt in gleißend hellem Licht, tickende Uhren begleiten den Helden. Seine Reise führt Jack an L'Aquila, der durch ein Erdbeben zerstörten Stadt, in der Corbijn ursprünglich drehen wollte, vorbei zum Castel del Monte. In einer unbestimmbaren Zwischenjahreszeit inmitten der zerfurchten, wilden Landschaft der Abruzzen nimmt er einen letzten Auftrag an – eine Waffe für eine Auftragskillerin (Thekla Reuten) –, diskutiert mit dem örtlichen Priester (Paolo Bonacelli) über Glauben und Vergebung und verliebt sich in eine dunkel gelockte Prostituierte (Violante Placido), während ihm immer noch Rächer auf den Spuren sind.

Ein Sünder zwischen Tod und Neubeginn: Für seinen zweiten Spielfilm hat sich Corbijn eine oft strapazierte Geschichte ausgesucht. „Diese Art Western-Struktur hat mich gefesselt, die Geschichte von jemandem, der sein Leben ändern will. Eine Erlösungsgeschichte, Gut gegen Böse“, erklärt er im Gespräch mit der „Presse“.

 

Als Fotograf berühmt geworden

Berühmt wurde Corbijn in seiner Abwesenheit – indem er andere ins Bild rückte, Schauspieler, Künstler und viele, viele Musiker. Mit CD-Covers und Musikvideos hat er das Bild von U2 („Joshua Tree“) und Depeche Mode („Personal Jesus“) geprägt. Die britischen New-Wave-Pioniere Joy Division waren die erste große Band, die er fotografierte, dem Sänger Ian Curtis war sein erster Spielfilm „Control“ gewidmet.

Das in grobkörnigem Schwarz-Weiß gefilmte Porträt des Musikers, der mit 23 Jahren Selbstmord beging, trägt erkennbar den Blick des Fotografen, im Gegensatz zu The American. Die Aufnahmen kurviger Bergstraßen, des labyrinthischen Bergdorfes und immer wieder von Clooney in kargem Interieur, die Kameramann Martin Ruhe einfing, erinnern nicht an Corbijns Fotoporträts: Sie sind zeitenthoben, kühl und mitunter leblos.

Vielleicht seien es die Themen Einsamkeit und Vergebung, die die beiden Filme verbinde, sagt Corbijn. Einsam, isoliert und depressiv zeigte er Ian Curtis, wie auch Jack in The American.

 

Die Hände eines Künstlers

Was bei dem realen Musiker einer Krankheit geschuldet war, gehört beim fiktiven Auftragsmörder zur Jobbeschreibung: Spärliche Dialoge akzentuieren die Untersagung sozialer Kontakte. „Ich brauchte jemanden, der sich durch sein Gesicht, seine Mimik und Gestik ausdrücken kann“, so Corbijn. Seine erste Wahl, Hollywoodstar Clooney, ist breitenwirksam und glaubhaft als Angststarrer in einer existenziellen Krise, unbeholfen in seinem Versuch, die schöne Prostituierte zu retten, die keiner Rettung bedarf. Und er fühlt sich gleichermaßen abgestoßen wie angezogen von den Erlösungsverheißungen des Priesters, der ihn in seiner Tarnung – der Amerikaner gibt sich als Fotograf aus – zu durchschauen scheint. „Sie haben nicht die Hände eines Künstlers, sie haben die Hände eines Handwerkers“, sagt der Geistliche.

Ob sich Corbijn als Künstler oder Handwerker sieht? „Als Künstler selbstverständlich“, sagt er. Als Regisseur fehlt ihm in The American dafür allerdings noch die ureigene Handschrift.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2010)

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