Eisig: Harry Potter wandert in den Winter

"Die Heiligtümer des Todes": Die erste Hälfte des siebten Potter-Films kommt in die Kinos: Die drei Helden jagen nach den Bruchstücken der Seele des Bösen. Und reisen durch großartige englische Landschaften.

(c) REUTERS (HO)

Harry, I think it's Christmas Eve!“, ruft Hermine. Tatsächlich, es ist Weihnachtsabend, und die beiden, zerzaust und verschrammt von der Reise, stehen auf dem Friedhof, auf dem Harrys vom Bösen ermordete Eltern begraben sind. Es ist kalt im verlorenen Reich der Kindheit, es ist schaurig, die Gräber sind tief verschneit. Harry muss den Schnee wegwischen, um das Zeichen zu finden, von dem er später erfahren wird, dass es die „Heiligtümer des Todes“ symbolisiert...

Alle sieben Harry-Potter-Romane – und auch die sechs bisherigen Verfilmungen – handeln in jeweils einem Schuljahr, vom Herbst bis in den Sommer. Der siebte, letzte Roman „Die Heiligtümer des Todes“ kommt wegen Überlänge in zwei Teilen in die Kinos. So ist der erste Teil, der nächste Woche anläuft, eine Reise in den Winter, in die Kälte. Ohne Frühling, ohne glückliches Ende: Die letzte Szene zeigt den bösen Lord Voldemort im Triumph.

Ihn zu besiegen ist die Aufgabe, vor der Harry Potter, Hermine Granger und Ron Weasley stehen. Allein, auf sich gestellt, abseits ihrer Schule, die in der Gewalt einer Koalition aus der Zauberer-Aristokratie und den Voldemort-Faschisten ist. Auf der Suche, auf Wanderschaft: „Die Heiligtümer des Todes“, Teil eins, sei ein „Road Movie“, soll Potter-Darsteller Daniel Radcliffe gesagt haben. Das stimmt nicht wörtlich – Landstraßen kommen kaum vor –, aber vom Gefühl her: Es ist, wie es sich für einen guten Adoleszenzfilm gehört, die Geschichte einer Wanderschaft.

Durch atemberaubende britische Landschaften: Regisseur David Yates, seit dem fünften Teil aktiv, zeigt abermals sein Gefühl für die Poesie von Schnee und Laub, Sand und Klippen, Bergen und Ebenen. Und von Kornfeldern: Auf einem solchen finden die drei Helden heraus, was es mit den sieben „Horcruxen“ – Objekten, an die Voldemort seine Seele verteilt hat – auf sich hat. Dass diese Szene weit von raunendem Kitsch entfernt bleibt, beweist Yates' Meisterschaft.

Er erlaubt seinem Film auch große Ruhe, fast Bedächtigkeit in solchen Momenten – und verstärkt damit den Kontrast zu den aberwitzig schnellen, lauten, grellen, wilden Szenen, in denen Lord Voldemorts „Todesser“ und ihre Mitläufer angreifen. Einmal schneidet Yates mitten in eine solche, noch dazu durch ein Donnerwetter verstärkte Szene kurz das Bild der guten Frau Weasley, wie sie gerade Geschirr wäscht. Ach, wie schön wäre es doch daheim, bei der lieben Familie.

Harry hat keine Familie. Harry, Hermine und Ron sind weit weg von allen Heimaten. Ihr kleines Zelt steht im Wald, im Schnee. „Hast du gedacht, wir würden in Fünfsternehotels wohnen? Hast du gedacht, du würdest zu Weihnachten wieder bei Mami sein?“, schreit der mutterlose Harry den verzweifelten Ron an. Da kommt es zur – notgedrungen asymmetrischen – Spaltung der Dreiergruppe: Hermine und Harry bleiben zu zweit. „You may be the chosen one“, hat Ron in anderem Zusammenhang zu Harry gesagt, aber diese Mission wachse wohl auch ihm über den Kopf. In der Zweisamkeit mit Hermine muss Harry erkennen, dass er für sie nicht „der Erwählte“ ist, sondern Ron: Die Szenen, in denen er das begreift, zählen zu den schönsten des Films. Emma Watson spielt die kluge Hermine, die Liebe und Freundschaft zu unterscheiden lernt, mit subtilem Charme.

Als Kind von Nicht-Zauberern wird Hermine in dieser Folge das Opfer einer besonders brutalen rassistischen Attacke: Ihr wird das Wort „mudblood“ in die Haut geritzt. Aus der Gewalt der Todesser befreit werden sie und die beiden jungen Männer vom hässlichen, aber liebenswerten Hauselfen Dobby, Der am Ende sterben muss. „Ich werde ihn begraben“, sagt Harry, „ordentlich. Ohne Zauberei.“

Man weiß: Es wird noch viel begraben und gezaubert werden in der allerletzten Folge. Und man weiß, wie das alles ausgeht: gut. Dass die Filme trotzdem ihren Reiz behalten, spricht nicht zuletzt für Joanne K.Rowlings Saga, deren Rätsel noch lange nicht gelöst sind, wenn alle Horcruxe und Heiligtümer gefunden sind.

Faktbox

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2010)

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