"The Road": Trauermarsch durch den Endzeitfilm

John Hillcoats überzeugende Verfilmung von Cormac McCarthys gleichnamigem Erfolgsroman entwirft ein glaubhaftes Bild der Apokalypse und stellt die Frage nach Menschlichkeit. Ab Donnerstag bei uns in den Kinos.

(c) Constantin

Die Straße ist endlos und grau. Wie die Welt rundherum. Ein Vater (eindrucksvoll stoisch: Viggo Mortensen) und sein Sohn ziehen durch die Reste der Zivilisation. Sie wollen die Küste erreichen, wobei nicht klar wird, welche. Es ist ohnehin so, als würden sie durch das Meer des Verderbens waten auf ihrer langen Reise: Der Himmel ist aschefarben, die Bäume sind tot, Straßen und Architektur zerborsten. Aber am schlimmsten ist es, wenn sie in dieser ausgestorbenen Zone auf andere Menschen treffen: Es könnte das Ende sein.

John Hillcoats Endzeitfilm The Roadsetzt Cormac McCarthys gleichnamigen Erfolgsroman als erstaunlich integre apokalyptische Vision um: McCarthys poetische Kombination von Terror und mystischer Reflexion ist zur durchgängigen Handlung verdichtet worden, aber im Wesentlichen hält sich Hillcoat an die lakonische Vorlage, auch wenn er eine Art verhaltenen Trauermarsch orchestriert (zu dem Nick Cave und Warren Ellis ein minimalistisches Soundtrack-Requiem für Piano, Klavier und geisterhafte Geräusch-Loops beisteuern).

 

Die letzte Dose Coca-Cola

Die desolate Welt von The Road erzeugt ein Gefühl von Endlosigkeit, aber der Film erzielt Intensität durch konsequente Reduktion: In wenigen Rückblenden in die Zeit vor der (unerklärten) Katastrophe blüht kurz Natur. In der fahlen, zerstörten Welt danach wirkt es wie ein Wunder, als das Kind an einem Wasserfall erstmals Regenbogenfarben sieht. Ein ähnlicher Effekt stellt sich ein, als der Vater eine letzte Dose Coca-Cola findet und dem Sohn gibt: die Erinnerung an eine unendlich ferne Selbstverständlichkeit.

Knappe Action-Konfrontationen auf der Reise illustrieren den Wandel zum Atavismus: Mehrfach werden Vater und Sohn attackiert, in der verstörendsten Szene des Films dringen sie auf Nahrungssuche in ein Haus ein – und finden im Keller ausgezehrte, verstümmelte Menschen. Es ist eine Vorratskammer: Kannibalismus als Extremform der Gnadenlosigkeit, mit der die Starken ihr Überleben sichern. Der Vater hat immer zwei Suizidkugeln dabei. Die Mutter (Charlize Theron) hat sich schon vorher entschieden, in dieser Welt nicht leben zu wollen.

Letztlich ist The Road ein Film über das Wesen der Menschlichkeit. Bei anderen Begegnungen trifft das herumziehende Paar auf Schwächere: Robert Duvall hat einen herzzerreißenden Auftritt als fragiler Greis, den der Vater am Weg zurücklässt.

 

Vom Studio lange auf Eis gelegt

„Sind wir noch die Guten?“, fragt der Sohn später. „Wir werden es immer sein“, beruhigt der Vater vorsorglich. Die unbedingte Liebe in aussichtsloser Lage, die Intimität der Beziehung zwischen Vater und Sohn liefern einen bewegenden Kontrapunkt zur überzeugend klammen Atmosphäre des Untergangs, die rundherum waltet.

Als Genrefilm, der ernsthaft und philosophisch von der Apokalypse erzählt, ist The Road in der Kinolandschaft ein Außenseiter: Im Trailer versuchte man den Eindruck eines typischen Katastrophenfilms zu erwecken, und trotz der Star-Präsenz von Mortensen wurde der Film als zu unkommerziell (oder anspruchsvoll) ein Jahr lang auf Eis gelegt, bevor er 2009 im Wettbewerb von Venedig uraufgeführt wurde. Dann wurde der Österreich-Start immer wieder verschoben. Wie den Oscar-Sieger The Hurt Locker hievt ihn nun das StadtkinoWien doch noch (in Originalfassung mit Untertiteln) auf die Leinwand: ein harter, aber eigentlich ein thematisch angemessener Weihnachtsfilm.

Zur Person

John Hillcoat (*1961, Queensland) ist einer der ungewöhnlichsten Regisseure im Gegenwartskino: Aufgrund seiner Vorliebe für intelligente und kompromisslose Genrefilme ist sein Werk schmal geblieben. In 22 Jahren hat er vier Spielfilme realisiert: 1989 erregte er mit dem Hochsicherheitsgefängnisfilm „Ghosts... of the Civil Dead“ Aufsehen, da begann auch die Zusammenarbeit mit seinem australischen Landsmann Nick Cave. Es folgten das großartige Krimi-Melodram „To Have and To Hold“ (1996), der Western „The Proposition“ (2005) und „The Road“ (2009).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2010)

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