Die Tragikomödie des sexuellen Erwachens

Paarungsverhalten, anthropologisch bis absurd: Der bestechende griechische Film „Attenberg“ im Stadtkino Wien.

Tragikomoedie sexuellen Erwachens
Tragikomoedie sexuellen Erwachens
Stadtkino

Eine denkwürdige Eröffnung stimmt auf den besonderen Tonfall dieses Films ein: „Wie machen das die Menschen?“, wundert sich die Frühzwanzigerin Marina (Ariane Labed). Und erforscht mit ihrer erfahrenen Freundin Bella (Evangelina Randou) gleich das Geheimnis des Zungenkusses: Die ausgiebige gemeinsame Probe aufs Exempel fällt weniger erotisch als eigenartig aus. Offenbar unzufrieden mit der Erfahrung beginnt Marina zu knurren: Bald hüpfen die hübschen Mädchen wie Hunde.

 

Schräger Wortzwitz und Musikekstase

Die unerwartete Nähe von menschlichem und tierischem Verhalten ist nicht nur ein absurder Gag. Die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari setzt in ihrer bestechenden und originellen Tragikomödie Attenberg auf einen anthropologischen Zugang: Die jungfräuliche Außenseiterin Marina lebt zurückgezogen, liebt die Tierdokumentationen des Briten Sir David Attenborough und nimmt diese als Vorbild für ihr Studium menschlichen Paarungsverhaltens.

Der trockene, „wissenschaftliche“ Ansatz ist Teil einer schillernden Mixtur, die Tsangari unbekümmert, doch detailpräzis kredenzt: sorgfältige minimalistische Tableaus als Stationen eines Entwicklungsromans, garniert mit existenzieller Panik, schrägem Wortwitz und modernistischer Landschaftsstudie. Als unvergesslicher Kontrapunkt dienen tänzerische Choreografien. Frei nach Monty Python verausgaben sich Marina und Bella zu charmantem Liedgut à la Françoise Hardy: kommentierende Einlagen, zugleich Performancekunst, Musikekstase und amüsante Regression ins Kindlich-Animalische.

Faszinierender Schauplatz des Films ist eine Industriestadt an der griechischen Küste: ein utopisches architektonisches Experiment im Verfall. Marinas Vater baute einst mit, nun liegt er im Sterben – was er unsentimental hinnimmt: „Das 20. Jahrhundert ist überschätzt.“ Parallel zu diesem Abschied erlebt Marina ihr sexuelles Erwachen mit einem Jüngling (Regietalent Yorgos Lanthimos), der zwei ihrer Hauptinteressen teilt: Tischfußball sowie die Synthesizer-Musik der Elektro-Punks „Suicide“. In einer der bewegendsten Szenen trägt das Mädchen ihr Lieblingslied der Band „Be Bop Kid“ im dunklen Krankenzimmer des Vaters vor – und liefert einen Schlüssel dafür, warum Attenberg trotz regionaler und komischer Besonderheiten universal wirkt. Die Missverständnisse und kulturell gespeisten Träume beim Erwachsenwerden sind weltweit nachvollziehbar, und sei es als absurde Pop-Poesie: „He wrote a song / a song about life / yeah real life / be bop be bop bop beeee bop!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2011)

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