Filmemacher: "Wie Bettler vor der Kirche"

Am Ostermontag feiert Regisseur Bertrand Tavernier seinen 70. Geburtstag. Zum Jubiläum sprach er mit der "Presse" über Todsünden, häufige Fehler bei Historienfilmen und den Aufstieg Premier Silvio Berlusconis.

(c) EPA (IAN LANGSDON)

Die Presse: Herr Tavernier, Ihr letzter Film „Die Prinzessin von Montpensier“ ist ein Historiendrama vor dem Hintergrund der Hugenottenkriege: Die Titelfigur wird aus strategischen Gründen verheiratet, verliebt sich in einen anderen und gerät in Intrigen am französischen Hof. Es geht wieder um Ihr großes Thema: den Preis, den man dafür zahlt, wenn man seinem Gewissen folgt.

Bertrand Tavernier: Sie haben völlig recht, aber mir selbst wurde das erst klar, als ich den fertigen Film sah. Denn die Prinzessin ist die Hauptfigur des Films, aber das Rückgrat der Geschichte ist der von Lambert Wilson gespielte Comte de Chabannes. Und er ist wie ein Bruder der von Philippe Noiret verkörperten Hauptfigur in meinem früheren Film „Das Leben und nichts anderes“: Beide waren an gewalttätigen Kriegshandlungen beteiligt und sind auf Distanz gegangen. Sie suchen nach innerem Frieden und verlieben sich in eine viel jüngere Frau. Ihr Gewissen macht sie zu Zerrissenen: Ihr Platz in der Welt entspricht nicht ihren Gefühlen.

 

Auf dem Comte de Chabannes lastet auch eine schwere Schuld: In der ersten Filmszene tötet er unabsichtlich im Kampf eine schwangere Frau.

Eine Todsünde! In der Buchvorlage von Madame La Fayette war sein Grund, das Lager der Protestanten zu verlassen, zu schwach: Ein Bürgerkrieg tobt, die Motivation muss entsprechend dramatisch sein. Ich dachte an Daniel Cordier, den Mitarbeiter von Résistance-Führer Jean Moulin. Vor dem Krieg war er ein politischer Rechtsaußen, der Schock, als er erstmals Juden mit dem gelben Stern sah, änderte sein Leben: Cordier ging zum Widerstand. Er hatte ein Bild der Unterdrückung gesehen, das inakzeptabel war. So etwas suchte ich und kontaktierte also einen Historiker, um zu fragen, was damals die unverzeihlichsten Taten im Krieg waren. Drei Dinge galten als Kriegsverbrechen, auch wenn es das Wort noch nicht gab: Die Zerstörung eines Pflugs, die Zerstörung eines Ofens, in dem man Brot bäckt – und das Töten einer schwangeren Frau. Sofort wusste ich, dass mein Film damit beginnen musste!

Ihre Inszenierung des Stoffs ist frisch und beweglich – sonst sind Historienfilme ja meist sehr steif.

Es geht mir darum, das Gefühl zu erzeugen, dass die Kamera zur selben Zeit wie die Charaktere existiert: eben keinen „historischen“ Film machen, die Figuren nicht als historische Personen zeichnen. Sie leben ja nicht in dem Bewusstsein, der Geschichte anzugehören, sondern in ihrer Zeit. Die meisten Historienfilme versuchen, die Epoche zu erklären, oft sehr konventionell: Jemand erläutert, warum sich ein anderer gerade so benommen hat. Für die Leute damals wäre das aber nicht nötig gewesen, es ist nur für das heutige Publikum. Das scheint mir ein wenig dumm. Man darf nicht denken: „Ich setze einen Renaissancetisch ins Bild.“ Für die Figuren ist das kein Renaissancetisch, sie wissen gar nicht, dass sie in der Renaissance leben! Erst 30, 40 Jahre nach seinem Tod wird man historisch. Außerdem habe ich mich bei der Inszenierung der Landschaften an klassischen Western von Delmer Daves oder Budd Boetticher orientiert. Man muss spüren, wie schwer damals das Terrain zu durchqueren war – ob zu Pferd oder zu Fuß.

Sie sind ja einer der großen Cinephilen unter den Regisseuren, ein renommierter Filmhistoriker und -kritiker. Ihr mit Jean-Pierre Coursodon verfasstes Buch „50 Jahre amerikanisches Kino“ ist das beste Nachschlagewerk zum US-Kino ab dem Weltkrieg. Warum wurde es nie übersetzt?

Es gab eine Übersetzung, aber nur ins Spanische! Es ist mir ein Rätsel. Wir hatten unser Buch bei einem renommierten US-Universitätsverlag eingereicht, aber es wurde mit einer unglaublichen Begründung abgelehnt: „zu intelligent“! Wenn sie wenigstens einfach behauptet hätten, es sei zu teuer...

In den 1980ern haben Sie den Orden der „Légion d'honneur“ abgelehnt. Warum?

Ich habe nie darum gebeten, ich halte nichts von Auszeichnungen. Der Orden wurde mir unter François Mitterrand angeboten, aber ich sagte Nein und zitierte Tristan Bernard: „Ich habe den Eindruck, bei einem Polizeieinsatz ausgezeichnet zu werden.“ Bernard sagte es, weil viele der Geehrten Schurken waren und von der Justiz gesucht wurden! Doch der Hauptgrund für meine Absage war, dass Mitterrand das Fernsehprogramm „La cinq“ ins Leben gerufen hatte, als ersten Privatsender – ohne jegliche Auflagen! Er wollte einen Kanal, der ihm selbst gewidmet war. Und damit begann die Zerstörung des französischen Fernsehens und die schreckliche Zeit der sozialistischen Partei. Aber vor allem – und das haben die Leute vergessen – hat er damit Berlusconi Respekt verschafft, „La cinq“ gehörte zu dessen Medienimperium! Wegen Mitterrand haben wir jetzt Berlusconi, das habe ich ihm nie vergeben, auch wenn er in anderer Hinsicht sehr klug agierte und ein waschechter Staatsmann war. Ich respektiere Mitterrand für andere Dinge: die Abschaffung der Todesstrafe, sein intelligentes politisches Verhalten gegenüber den USA. Das war richtig, aber anderswo hat er unverzeihliche Dinge gemacht.

 

Sie arbeiten an einem neuen Projekt?

Hoffentlich! Eine Art Reise durch das französische Kino, so wie Martin Scorseses „Journey Through the American Cinema“. Es ist bei Studio Canal eingereicht, seit letztem September warte ich auf die Antwort: Heute stehen wir als Regisseure vor sehr mächtigen Gruppen wie Bettler vor einer Kirche. Erst wenn uns die reichen Lehensherren von Pathé oder Studio Canal ein Stückchen Fleisch zuwerfen, können wir weitermachen!

Zur Person

Bertrand Tavernier (*1941) ist einer der großen Filmemacher Frankreichs und Autor vieler Filmbücher. Tavernier debütierte als Regisseur 1974 mit „Der Uhrmacher von St. Paul“, es folgten Klassiker wie „Der Saustall“ (1981) oder „Das Leben und nichts anderes“ (1989). Sein jüngster Film „Die Prinzessin von Montpensier“ erscheint demnächst auf DVD.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2011)

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