Cannes: "Herrlicher Schock" für Schleinzer

64.Filmfestspiele: Der Österreicher Markus Schleinzer bringt mit „Michael“ Aufregung in einen müden Wettbewerb.

(c) EPA (IAN LANGSDON)

Der Filmabspann beginnt: Applaus brandet auf im Grand Théâtre Lumière des Festivals von Cannes, dann mischen sich Buhrufe in den Beifall. Michael, der Wettbewerbsbeitrag des Österreichers Markus Schleinzer, ist bei der Weltpremiere kontrovers aufgenommen worden, und auch die ersten internationalen Reaktionen zeigen sich enorm gespalten. Der Film bringt damit frischen Wind in einen Wettbewerb, der bislang bitter enttäuscht hat: Abgesehen vom Italiener Nanni Moretti, der seine sehr milde Papst-Satire Habemus Papam vorstellte, hat man sich die großen Namen in dieser Cannes-Edition für die zweite Hälfte des Festivals aufgespart.

Umso polarisierender die Wirkung von Schleinzers Film, dessen Premiere ohne vorherige Pressevorführung erfolgte, was meist auf einen thematisch schwierigen oder künstlerisch sehr anspruchsvollen Film hinweist. Die Schwierigkeit in Schleinzers Fall ist das polarisierende Thema – seine Titelfigur ist der Pädophile Michael, der ein zehnjähriges Kind (Thomas) in seinem Keller gefangen hält. Vorab gab es in der französischen Presse Spekulationen, man habe es mit einem Schlüsselfilm über den Fall Kampusch zu tun, aber Schleinzer hat das (zu Recht) von sich gewiesen. Für seinen Film hat er eine eigene, so verstörende wie faszinierende Opfer-Täter-Beziehung entwickelt, die in sicherem, kühl-protokollarischem Stil vorgetragen und von zwei furiosen Hauptdarstellern zum Leben erweckt wird. Michael Fuith brilliert in der Titelrolle als Durchschnittstyp, der nach außen ganz normal, ja regelrecht langweilig wirkt und hinter den Rollläden seines Hauses ein schreckliches Geheimnis verbirgt: Ein Schauspielerpreis für diese völlig uneitle Interpretation wäre angemessen. In dem Kinderdarsteller David Rauchenberger findet sich ein bemerkenswertes Gegenüber. Michael erzählt die letzten fünf Monate der Gefangenschaft – Rauchenberger stattet die Figur mit einer wachsenden Widerstandsfähigkeit aus, die für Hoffnung im schockierenden Szenario sorgt.

 

Komponierte Spannungsdramaturgie

Trotz des nüchternen Umgangs mit der Situation – die Bilder sind in der Tradition von Österreichs Haneke-Schule klar und streng komponiert, der Schnitt erlaubt sich allerdings bemerkenswerte Sprünge – schreckt Schleinzer nicht vor der unvermeidlichen Spannungsdramaturgie zurück. Nachdem die Umstände in knappen Szenen etabliert worden sind, wird Michael von einem Auto angefahren; die Angst um das eingesperrte Kind ist ein Teil des erheblichen Verstörungspotentials des Films. Der andere ist das konsequente Einhalten der Täterperspektive. Dass sie in den letzten Minuten aufgegeben wird, zählt zu den problematischen Aspekten.

Michael ist ein Film, den man auch aushalten muss. Bei seiner Pressekonferenz wies Schleinzer darauf hin, dass es ihm nicht zuletzt darum gegangen sei, eine andere Perspektive zu eröffnen als die dominanten Boulevardberichterstattungen über Kindesmissbrauch, die unweigerlich den Täter zum „Monster“ stilisieren, damit „zu einem mythischen Geschöpf machen, das uns nicht betrifft“. Das Unheimliche an seinem Film ist aber die Normalität des Pädophilen, nicht nur nach außen, wo Michael in einem Versicherungsjob als braver Angestellter tätig ist und mit Kollegen, Bekannten und Familie unauffällig umgeht, sondern auch in seinem Versuch, eine „normale“ Beziehung zu seinem geliebten Opfer aufzubauen – beides führt auch zu komischen Momenten, die in ihrer Glaubhaftigkeit für zusätzliche Irritation sorgen.

In einer der besten Szenen versucht Michael an einer Gokart-Bahn, einen zweiten Jungen zu entführen, die Kamera folgt den beiden seitwärts über einen Parkplatz, als sie sich – ins Gespräch über Spielzeugautos vertieft – von den anderen entfernen. Dann wird das Kind vom wütenden Vater zurückgerufen, und die Kamera folgt dem reaktionslos weitergehenden Michael, bis er einsam im Gestrüpp verschwindet, zurück in die Sicherheit seiner selbstgeschaffenen Doppelexistenz. Unheimlich ist dieses Bild auch, weil es das Schweigen beschwört, das Missbrauchsfälle umgibt (und Täter schützt).

 

Größter Konkurrent: Israeli Joseph Cedar

Ob Schleinzers Arbeit unter den Preiskandidaten sein wird, ist nach der Hälfte des Festivals noch nicht abzusehen. Er ist zufrieden mit dem „herrlichen Schock“, dass er als Debütant überhaupt für den renommierten Wettbewerb ausgewählt wurde. Sein schärfster Konkurrent bislang ist der Israeli Joseph Cedar, der in Footnote ein rasantes, stilistisch überquellendes Vater-Sohn-Drama inszeniert hat, in dem die Rivalität zweier Talmud-Professoren zur Allegorie auf israelischen Nationalismus wird. Wie Schleinzer wagt Cedar ein offenes Ende: Auch darin heben sich beide Filme von den absehbaren Konstruktionen ihrer Konkurrenten ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2011)

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