Welchen Wert hat Terrence Malicks Goldene Palme?

Die Cannes-Jury traf gute künstlerische Entscheidungen. Die kommerzielle Debatte dazu wird nun unvermeidlich folgen. Terrence Malicks mit der Palme D'Or prämiertes Familienepos The Tree of Life war umstritten.

(c) EPA (CHRISTOPHE KARABA)

„Wir fanden, dass der Film in seiner Bandbreite und seinen Absichten die geeignete Wahl für die Goldene Palme war“: Die Begründung von Jury-Präsident Robert De Niro zum Cannes-Hauptpreis ist schwer zu entkräften. Terrence Malicks mit der Palme D'Or prämiertes Familienepos The Tree of Life war umstritten, mit seiner kosmischen Vision überschattete die Großproduktion des geheimnisumwitterten US-Regisseurs aber jedenfalls die heurige Konkurrenz.

Es ist auch die erste Palme seit Langem für Hollywood-Starkino (Hauptdarsteller Brad Pitt produzierte mit), aber keine kommerzielle Entscheidung: Malicks avancierte Bildersymphonie lässt das übliche Erzählkino weit hinter sich, ihre Chancen an der Kassa gelten als ungewiss. So wird wohl bald die Debatte wiederbelebt, die zuletzt Palmen-prämierte Kunstfilme wie im Vorjahr der Thai-Sieger Uncle Boonmee auslösten:Diese Filme sind Festivalrenner, aber beim Kinostart haben sie kaum Publikum. Das liegt auch an einer Kultur, in der (Festival-)Events im Vordergrund stehen, nicht die Filme, und wo alles kommerziell definiert wird, wie bei der Frage nach dem Kassenwert der Palme (oder der Oscars).

Die Frage stellt sich erst recht für die anderen Preisträger: Den zweitplatzierten Grand Prix teilten sich Nuri Bilge Ceylans bildhübsches, doch handlungsarmes türkisches Epos Upon a Time in Anatoliaund The Kid With a Bike, ein Sozialdrama der Brüder Dardenne, die schon zwei Palmen gewannen – was Kinoflops nicht verhinderte. Bester Regisseur wurde der Däne Nicolas Winding Refn für den virtuosen US-Thriller Drive, der aber unabhängig produziert ist und daher vielleicht die Multiplexe gar nicht erreichen wird. Der israelische Drehbuchpreis-Sieger Footnote wäre zwar ein Arthouse-Publikumsfilm, aber sein unkommerziell klingendes Talmud-Thema könnte es ihm schwer machen – wie dem amüsanten Stummfilm-Tribut The Artist (bester Akteur: Jean Dujardin) das Faktum, dass diese Komödie stilgerecht ohne Dialog und in Schwarz-Weiß ist. Nur Lars von Triers Melancholia (beste Aktrice: Kirsten Dunst) hat nach dem skandalisierten Nazi-Sager des Regisseurs ganz andere Publicity: Auch das ist Teil der boulevardisierten Eventkultur.

Malicks Film startet am Freitag in den USA, am 17.Juni in Österreich, dann wird man sehen. Aber eigentlich gilt wie immer: Die Palme ist etwa 25.000 Euro wert – falls man das Gold einschmelzen lässt. hub

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2011)

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