„Merida“: Kein Kino-Feminismus bei Disney

Mit „Merida – Legende der Highlands“ wollte Pixar ein weibliches Projekt vorlegen. Daraus wurde nichts, trotz technischer Brillanz. Das Märchen ist der bisher unbefriedigendste Animationsfilm des Pixar-Studios.

(c) AP

Buzz Lightyear und Cowboy Woody, die Monster Mike und Sulley oder die Autos Lightning McQueen und Mater: Die zentralen Figuren in den Welterfolgen der Animationsschmiede Pixar sind immer männlich; und die Geschichten das, was man in der Komödienkultur heutzutage als „Bromance“ bezeichnet, also geprägt und angetrieben von einer innigen Freundschaft zwischen zwei Kerlen.

Mit „Merida – Legende der Highlands“ sollte sich das alles ändern: der erste Pixar-Film mit einer weiblichen Hauptfigur, noch dazu inszeniert von einer Frau, prahlten die Presseaussendungen schon vor Monaten. Diese Frau ist Brenda Chapman: Seit über einem Jahrzehnt wirkt sie als Mentorin für junge Animationskünstlerinnen bei Pixar, will ihre Erfahrungen weitergeben und den Kolleginnen in der Branche Mut machen. Die Geschichte von „Merida – Legende der Highlands“ hat sie zwar gemeinsam mit Männern verfasst, aber sichergestellt, dass die Hauptfigur eine unabhängige, starke, eigenwillige Identifikationsfigur vor allem für die Mädchen im Publikum bleibt.

Fast programmatisch heißt der Film im Original „Brave“, also tapfer. Es wäre Chapmans erste Regiearbeit seit „Der Prinz von Ägypten“ aus dem Jahr 1998 gewesen. Mitte 2011 zerplatzte dann dieser Traum, als Pixar bekannt gab, dass Mark Andrews die Regisseurin ersetzen würde: Man habe sich nach kreativen Differenzen getrennt.
Branchenkenner wussten damals aber bereits, dass der Disney-Konzern seine feministische Werbelinie wieder eingestellt hatte, nachdem der als „Girl Power“-Märchen verkaufte Animationsfilm „Küss den Frosch“ nicht das erwünschte Einspielergebnis erzielt hatte.

Der bisher unbefriedigendste Pixar-Film

Wie genau Brenda Howards Version von „Merida – Legende der Highlands“ ausgesehen hätte, ist schwer zu sagen. Tatsache ist nur, dass das im Naturgrün schwelgende Märchen der technisch vielleicht beeindruckendste, insgesamt allerdings auch der bisher unbefriedigendste Film des Pixar-Studios ist.
Merida ist eine rebellische Teenager-Prinzessin und soll an einen Sohn der drei anderen schottischen Highland-Clans verheiratet werden, um den Frieden im Land zu gewährleisten. Um das dräuende Unheil abzuwenden und ihre Unabhängigkeit zu schützen, wendet die junge Frau sich an eine Hexe: Ein Zaubertrank soll Meridas Mutter dazu bringen, ihrer Tochter Selbstbestimmtheit zu gewähren. Der verwandelt die Königin allerdings in eine Bärin. Daraufhin flüchten die beiden Frauen aus dem Schloss und versuchen, eine Lösung für das Problem zu finden. „Merida – Legende der Highlands“ ist ein Selbstermächtigungsmärchen, dem es vor allem an einem fehlt: starken Figuren.

Während die Prinzessin pikanterweise nicht nur, aber schon auch aufgrund ihrer perfekt animierten feuerroten Lockenhaarmähne fasziniert, vermögen weder die Bärenmutter, die zumindest einige nette Slapstick-Sequenzen durchleiden darf, noch der schießwütige König zu überzeugen. Während andere Pixar-Produktionen wie aus einem Guss wirken, erscheint „Merida – Legende der Highlands“ als Stückwerk, ganz so, als wisse Regisseur Mark Andrews nicht wirklich, wohin mit seiner Mär. Einerseits flockige Entwicklungskomödie, andererseits düsteres Familiendrama mit einer Brise epischer Fantasy: Dem Zuschauer fliegen gute Ideen um die Ohren, ohne sich jemals zu einem dramaturgischen Ganzen zusammenzufügen.

Der Weg, der zum Geld führt

Fast fühlt es sich so an, als hätten die Macher versucht, Elemente von Brenda Chapmans Arbeit – sie wird noch als Ko-Regisseurin ausgewiesen – mit einer allgemein verträglicheren, auch die männliche Zuschauerschicht ansprechenden Erzählung zu vermählen. Das Ergebnis ist ein Film, der ansatzweise brillant wirkt, aber eben auch wie die Ausgeburt einer haltungsfreien Industrie, die gerne progressiv wäre, aber letztlich immer den Weg wählt, der zum meisten Geld führt. Die Selbstverwirklichung von Brenda Chapman ist dabei im Weg gewesen.

Pixar und Disney

Dreizehn Langfilme hat das Pixar-Studio mit Disney seit dem ersten großen Hit „Toy Story“ (1995) produziert. Etabliert hatte sich Pixar vor allem durch den Kurzfilm „Luxo jr.“, der 1987 mit dem Prix Ars Electronica prämiert und für den Oscar nominiert wurde: Der Film über eine kleine Lampe wurde als Meilenstein computergenerierter Animation rezipiert.
Aus den Disney-Verträgen wollte Pixar 2004 aussteigen, schließlich kam es aber zu einem Führungswechsel im Großkonzern und Disney übernahm stattdessen 2006 Pixar. Zuletzt entstanden Fortsetzungen: „Toy Story 3“ und „Cars 2“. „Merida“ ist ab heute in den Kinos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)

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