„The Cabin in the Woods“: Die Legitimierung des Horrorkinos

Mit „The Cabin in the Woods“ wird Regisseur Drew Goddard in die Annalen des Horrorgenres eingehen: unterhaltsam, intelligent, paradox. Kaum zuvor hat ein Film den Bogen so auf- und auch überspannt wie dieser hier.

(c) Universum

Ein bisschen wirkt es so, als wolle dieser Film das Horrorkino legitimieren, in die Welt hinausplärren, dass der Zustand dieses viel gescholtenen Genres nicht an den Folterpornos gemessen werden soll, sondern dass Angst und Terror im kunsthistorischen und psychohygienischen Sinn durchaus vertretbar sind. Aber all das einmal zur Seite geschoben, ist „The Cabin in the Woods“ einfach ein verdammt unterhaltsamer, intelligenter Film. Die Geschichte einiger Jugendlicher, die ein Wochenende in einer Waldhütte verbringen und mit Grauenhaftem in Kontakt kommen. Also eigentlich befördern sie es erst in diese Welt, als sie im Keller einige Artefakte entdecken und aus einem verwunschenen Buch vorlesen.

Hört sich bekannt an? So hat Sam Raimi seinen Kultfilm „Tanz der Teufel“ beginnen lassen. Und indem „The Cabin in the Woods“ diesen Klassiker des Genres so offensiv zitiert, weisen Regisseur Drew Goddard und Drehbuchautor Joss Whedon bereits auf die Spielregeln hin. Für ein Genre zu arbeiten bedeutet nämlich immer auch, eine ganz bestimmte Maschine anzuschalten. Die Zahnräder greifen ineinander, und am Ende steht die größtmögliche Wirkkraft. Variationen dieser etablierten Formeln sind ungern gesehen.

„The Cabin in the Woods“ versucht daher erst gar nicht, den Überlebenshorror oder Schlitzerfilm auf neue Beine zu stellen, will keine postmoderne Referenzschleuder sein: Whedon und Goddard verschieben lediglich den Blickwinkel, setzen statt auf Affirmation auf Dekonstruktion.

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Alle Leinwandmonster sind losgelassen

Unter dem Keller befinden sich nämlich weitere Räumlichkeiten: sterile Gänge, die zu einem Kontrollraum führen, von wo aus das Geschehen auf der Erde gelenkt wird. Ähnlich wie in der Truman-Show ist die Wirklichkeit eine Konstruktion, eine Bühne, auf der die diversen Genrespielformen inszeniert werden, um mit den daraus resultierenden Menschenopfern die in der Erde schlummernden Titanen zu besänftigen. Die Muster, nach denen diese rituellen Grausamkeiten geschehen, haben sich seit Jahrhunderten nicht verändert. Nur die Monster, die in gläsernen Kuben verstaut auf ihren Einsatz warten müssen, verändern sich je nach Angstweltpräferenz der Bevölkerung.

Als es zum unvermeidlichen Kollaps des Systems kommt, schenken Goddard und Whedon dem Kino eine seiner schönsten, weil paradoxesten Sequenzen. Eine hoch bewaffnete Sicherheitstruppe wird von aus diversen Schächten springenden, fliegenden und kriechenden Kreaturen dezimiert. Eine Riesenschlange trifft auf einen Mörderclown, gigantische Spinnen erklimmen Glasfronten, und Säure speiende Außerirdische laben sich an frischen Menschengesichtern.

Dann ist das Kino reines Spektakel und Kontemplation zugleich: Für einen Moment sind Action und Gedanke identisch, ist die Action zum Gedanken geworden. Alle Monster der Leinwand werden losgelassen und machen sich bereit für das Weltende. Das finale Bild muss in die Annalen eingehen: Kaum zuvor hat ein Film den Bogen so auf- und vielleicht auch überspannt wie dieser hier, in dem sich aus einem (zu) vertrauten Szenario mit Allerweltsfiguren eine groteske Monstergeschichte spinnt, die sich letztlich dem Mythischen überantwortet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)

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